Reiseberichte

 

Reisebericht Dezember 2009

Nach Norden

Folge 1

Um es gleich zu sagen: es wurden 740 Kilometer. Siebenhundertvierzig Kilometer über Schotter und Steine, durch Sand und Schnee, durch Schluchten und  über Pässe im Westen der Mongolei. Wir, meine Frau und ich,  sind vielen Menschen begegnet und wanderten andererseits tagelang durch Landschaften, die von Menschen verlassen waren.

Wir wollten – wie im Vorjahr – mit Hilfe eines GPS-Empfängers unabhängig bleiben. Wie im Jahr 2008 sollte das Gepäck und der Proviant im Furgon, dem kraftvollen russischen geländegängigen Kleinbus von Treffpunkt zu Treffpunkt gefahren werden. Umständlicher als die Wanderung des vergangenen Jahres war es nur, bis zum Ausgangspunkt zu gelangen, zu dem Dorf Togrok, südwestlich von Altai, der Hauptstadt des Aimak Gobi-Altai. Von da war der Weg klar: zunächst am südlichen Rand des Gobi-Altai nach Westen bis Bulgan, von dort nach Norden durch die Täler des  Mongolischen Altai nach Ulgii, der Hauptstadt des Aimak Bayan-Ulgii. Das reichte an Planung, mehr war nicht nötig. Im übrigen musste man Wasser kaufen, wann immer sich die Gelegenheit bot, auch Fleisch, Kartoffeln, Butter. Aber das war Oners Sache, er war der Koch und – der Fahrer, auf beiden Gebieten geschickt und erfahren. Als Übersetzer begleitete uns Ariunjargal, kurz Ariuk, mit Worten so geschickt wie Oner mit Lenkrad und Kochlöffel.

21./22. Juli, wieder einmal die erste Nacht unter dem mongolischen Himmel nach zwei Nächten im Flugzeug und im Mini-Bus. Unser Zelt stand am Rand des Gebirges, das wir in westlicher Richtung durchqueren mußten. Der nächste Treffpunkt war schnell bestimmt und dann waren wir allein. Der Pfeil des GPS-Empfängers zeigte an: dort ging es hin. Dort ging es einen weiten Hang bis auf 2800 m hinauf, wieder hinunter, wieder hinauf auf einen Sattel, hinter dem sich Pfade den nächsten Berg hinaufzogen, - und wieder hinunter und…. Kurz: wir hatten uns in dieses Gebirge noch nicht hineingefunden und es war noch nicht bewusst geworden, was dieses Gebirge von uns verlangte.


                              

So ging es also nicht weiter, wir konnten nicht einen Berg nach dem anderen überqueren, dabei brannte die Sonne herunter, und was wir an Wasser brauchten, hatten wir auch falsch eingeschätzt. Das Ziel lag weit östlich jenseits vieler Berge. Wir mussten das Tal entlang gehen, in dem wir uns gerade befanden, und hofften, wir würden  irgendwann auf eine Jurte stoßen. Dann würde sich schon eine Gelegenheit ergeben, Oner und Ariuk zu benachrichtigen.

Nach der Karte sollte dieses Tal nach zwölf oder vierzehn Kilometern die Piste schneiden, an der auch der Treffpunkt lag. Aber zwölf Kilometer sind verdammt weit nach zwei Nächten ohne Schlaf  und  wenn sich noch nicht einmal die Lippen mehr anfeuchten lassen. Und der Gobi-Altai ist  nicht  die Schwäbische Alb. Zweitausend Meter Höhenunterschied merkt man.



Ich musste schlafen, schlief im Schatten eines Felsens, ging wieder einen Kilometer, schlief wieder, ging weiter. Hanne war währenddessen ungeduldig vorausgegangen, musste umkehren, weil ich nicht hinterherkam und fand mich schon wieder schlafend. So konnte es nicht weitergehen. Das musste man einsehen, so würden wir die Piste nicht erreichen, bevor es dunkel wurde. Hanne glaubte, in der Ferne eine Jurte zu erkennen, ging auf den Punkt zu und kehrte gerade wieder um, als hinter mir, in der entgegengesetzten Richtung,  ein Motorrad knatterte, kam  geradewegs auf uns zu gefahren  und nur einen halben Kilometer von uns entfernt stand – eine Jurte, eine Jurte, die wir noch nicht gesehen hatten. Aber der Junge auf dem Motorrad hatte uns gesehen. Dort seien Russen, hatte er seiner Mutter gesagt, er wolle einmal nachsehen, wo die hin wollten. Und nun brachte er uns auf seinem Motorrad zu seiner Familie.



Alles weitere können Sie sich vorstellen, wenn Sie den Bericht von 2008 gelesen haben: Tee, guten mongolischen gesalzenen Tee mit viel Milch, und noch mehr Tee, und weil die Ziegen und Schafe schon gemolken waren, viel heiße Milch, dazu Gebäck und bald dampfte auch die Nudelsuppe in den Schalen. Wir hätten den Fahrer treffen wollen, erklärte ich, der Furgon stehe vierzehn Kilometer talabwärts, dort erwarte man uns. – Mit seinen fünfzehn Jahren hatte der Junge auf dem Motorrad schon sehr viel Erfahrung, zwangsläufig, denn der Vater war vor einigen Jahren gestorben. Ein russischer Geländewagen stand unbenutzt neben der Jurte. Das Motorrad des Jungen war die Verbindung zur Stadt. Der Junge hatte uns gerettet,  ihm konnte ich mich wieder anvertrauen.- Der Furgon stand – nach Auskunft des GPS-Empfängers 253  Meter westlich des eigentlichen Treffpunkts, beim Furgon Oner  fünf, sechs Männer. Ariuk sei auch auf einem Motorrad unterwegs und suche uns. – Warum er uns denn suche? Wir wüssten uns schon zu helfen. Immerhin spräche ich Mongolisch, nun ja, das war, wie Sie wissen, etwas übertrieben, aber meine Kenntnisse hatten uns doch geholfen. – Sicher wäre es besser gewesen, jetzt noch zur Familie des Jungen zu fahren. Andererseits wollte ich ihm eine Fahrt bei völliger Dunkelheit nicht zumuten. Am nächsten Morgen erlösten wir die Frauen von der Ungewissheit.

Immerhin, wir hatten gleich am ersten Tag gelernt: in diesem Gebirge folgt man dem Pfeil des GPS-Empfängers nicht quer zu den Bergen. Man folgt der Piste, zumal die Treffpunkte ohnehin in die Nähe der Piste gelegt werden müssen. Eine Piste, das sind ein halbes Dutzend Geleise, die ein Tal oder eine Ebene zerfurchen, weil die Fahrer glauben, die ganze Steppe stehe zu ihrer Verfügung.

Der Weg führte nach Bugad. Schon von weitem sahen wir den Furgon, sie hatten sich eine Stelle zwischen den Jurten, die  weiter nördlich standen, und dem Dorf ausgesucht.  Eine Herde von Kamelen weidete in der Talebene.  Auf einem Berg oberhalb des Dorfs stand ein Windrad, das eine europäische Organisation errichtet hatte, wie uns Ariuk später erzählte. Oner und er fuhren nach dem Abendessen ins Dorf, um den Auspuff schweißen zu lassen. Die europäischen Helfer aber  hatten unterschätzt, wie stark Stürme über die Steppe brausen können. Der Propeller drehte sich nicht, wahrscheinlich war die Maschine schon bald, nachdem sie aufgestellt war, ausgefallen. Also kein Strom aus Windkraft, dafür aber von einer Solaranlage, die sich am südlichen Dorfrand hinzieht; aber das sahen wir erst am nächsten Morgen.

Jetzt also die zweite Nacht im Zelt. Der Wind schwieg, deswegen hörte man das dumpfe, heisere Brüllen der Kamele.

Eine andere Organisation hatte also die Windrad-Leute ausgestochen und eine mannshohe, hundert Meter lange Solaranlage aufgestellt. Trotzdem herrschte im Dorf der Verfall vor, Gebäude aus der „alten Zeit“ verrotten. Das Postamt war  verschlossen und versiegelt. Vielleicht hatten die Bewohner von Bugad ohnehin niemanden, der ihnen schrieb.Unnütz, sich hier länger aufzuhalten. Es schien ohnehin nur einen Guanz, als einen Imbiß neben dem andern zu geben. Wir gehen den Bach entlang, dem die Viehhalter und die Dorfbewohner alles überließen, was sie nicht mehr brauchen können: Limonadenflaschen aus Plastik, Motorenölbehälter aus Plastik, Plastiktüten, Plastiksandalen, Autoreifen.  Am Ende der Eiszeit  hatte er als gewalttätiger Strom eine Schlucht aus den Bergen herausgespült , aber jetzt bewässerte er die saftig-grünen Matten des Talgrunds, wo Pferde und Hainak, Schafe und Ziegen weideten. Der Weg wandte sich um die Felswände und öffnete dem Blick immer neue Ansichten.

Schließlich erreichte der Weg eine ausgedörrte, unendlich weite, dürre,  Hochfläche, die schon im Frühjahr abgeweidet worden war,  und senkte sich nach Stunden wieder hinunter in das nächste Tal. Etwas Grünes erschien, ein Baum! Je weiter wir gingen, um so mehr breitete sich ein grünes Tal vor uns aus. Nun, ich will nicht übertreiben, auch wenn das Grün dem Blick gut tat, - es war eine Reihe recht zerzauster Espen, die entlang eines Baches überlebt hatten; zerzaust waren sie, weil man  einzelne Äste  abgesägt oder mit der Axt abgehauen hatte, um Feuerholz zu haben. Kurz bevor der Weg den Bach überquerte, stand die Ruine eines kleinen Hauses. Vielleicht war es einmal ein Posten, des Militärs oder der Miliz, ein Tafel in uigurischer Schrift befand sich noch neben der Tür und gab dem Gebäude etwas Amtliches. Aber noch hatten wir an die zehn Kilometer vor, -  immerhin nutzte Hanne die Gelegenheit zu einem Bad.

Weiter, weiter, das Espental entlang, hinauf und am Abhang des Gebirges entlang. Nach Osten hin erstreckte sich eine leicht abfallende Ebene, aus der sich felsige Bergketten erhoben. Im Norden türmte sich wie in Terrassen oder erstarrten Wellen der   Gobi-Altai auf.  Und – endlich – noch eine Stunde von uns entfernt ein kleiner, grauer Punkt, der Furgon. Sie hatte eine Stelle gefunden, die nach Süden hin von einer Hügelkette geschützt wurde.  Von unserer Höhe aus sahen wir in einer Senke  hinter diesen Hügeln  eine Jurte. Ob sie bei diesen Leuten nicht gewesen seien? – Doch, aber nur zwei Frauen seien  zu Hause gewesen und die hätten sie nicht hereingebeten. – Nun ja, verständlich, wenn zwei junge Männer einfach so daher kommen. – Sie sollten noch einmal fragen, ob wir willkommen seien, wir seien ein älteres Ehepaar, sollten sie sagen. – Nach ein paar Minuten kamen Oner und Ariuk zurück: In Ordnung, wir sollen kommen. – Dieses Mal war auch ein älterer Mann  zu Hause gewesen und hatte Oner und Ariuk gleich eingespannt: sie sollten mit dem Furgon nur fünf Minuten von dort eine weitere Jurte holen, wegen des Festes des Haareschneidens.- Ein Fest des Haareschneidens?  Zwei Kindern, beide drei Jahre alt, sollten zum ersten Mal die Haare geschnitten werden und zwar ganz, bis auf die Haut. Dazu waren  für den nächsten Tag die Verwandten  und Bekannten eingeladen worden, den ein Lama aus astrologischen Tabellen als sehr günstig ermittelt hatte. Der Vater des einen Kindes war noch unterwegs, um einen Bekannten für den ersten Schnitt zu gewinnen.

Vom Geburtsjahr her  bot er sich an, denn das „Jahrestier“ passte zu dem Tier des Geburtsjahres der beiden Kinder.  In der Mongolei hilft man sich gegenseitig, zumal, wenn der eine einen Furgon hat und wenn man ihm für diese Gefälligkeit ein Schaf  verspricht. – Dieses  fünfjährige Schaf dort  werde er bekommen. Während wir uns mit den Leuten unterhielten, holten die beiden jungen Männer die Jurte und danach war es zu spät, um ein Schaf zu schlachten; wurde auf den nächsten Morgen verschoben. - Ach, wie schade, meinte der Großvater der Kinder am anderen Morgen, heute ist gar kein guter Tag, um ein Schaf zu schlachten. – Macht nichts, meinte Oner, er möchte auch viel lieber eine zweijährige Ziege  statt eines fünfjährigen Schafs und außerdem wolle er sie selbst aussuchen und auch selber schlachten. - Natürlich schlachtete  der Kasache Oner die Ziege nach muslimischem Ritus, denn Kasachen sind Muslime.

Für uns wurde Zeit aufzubrechen.  

Folge 2

Wohin aber? Von den Leuten hatten wir erfahren, das Reservat mit den sogen. Przewalski-Pferden  sei gar nicht so weit von hier, zehn oder zwanzig Kilometer. Sie erklärten Oner, wie er fahren müsste, aber konnten uns nicht auf der Karte zeigen, wo es etwa liegen müsste. Hanne konnte deswegen auch keine Koordinaten feststellen und ohne Koordinaten konnten wir uns nicht wieder treffen. Hier in der Mitte von nirgendwo hatte man natürlich auch keinen Kontakt zum Telefonnetz. Es gab keine andere Möglichkeit: wir mussten mitfahren.  Über die Landschaft ist nicht viel zu sagen: eigentlich gehörte das Gebiet zur Gobi: eine grünlich-gelbe Steppe, deren Dürre nur irgendwelche Kräuter überleben, manchmal ein paar dünne Grashälmchen. Aber  dann gehört  ein großer Teil der Mongolei heute zur Gobi, wo sich auf dem Schotter nur noch schütterer Bewuchs  hält.

Oner fuhr auf  strahlend-weiße Gebäude mit  roten, blauen und grünen Dächern zu, die sich aus der Ebene erhoben. Vielleicht war das die Forschungsstation.

Die Ansammlung einzelner Gebäude und Jurten war Bij, besser gesagt, was von Bij übrig war. Die meisten Bewohner waren weggezogen, deswegen war das große strahlend-weiße Gebäude, die Schule, dem Verfall preisgegeben, die Fensterscheiben waren zerschlagen, Fenster herausgebrochen, eine Ruine  auch die frühere Heizzentrale. Ziegen knabberten entlang der Zäune und Mauern das Gras ab. Ein Mann bot an, mit uns zur Forschungsstation zu fahren.

Die Forschungsstation  in Takhin tal, also in der Takhi Steppe: Ordnung, Sauberkeit, Übersichtlichkeit, europäisch eben. Neben dem festen Gebäude stehen zwei Jurten, vor einer der Jurten sitzt ein junger Europäer und liest, einen Roman, keinen Forschungsbericht, denn es ist Sonntag. Er ist Salzburger und studiert in Wien. Es geht ihm um die Wildesel, die Khulane – nur nebenbei: mein erstes Mongolenfohlen nannte ich Khulan, wegen seiner Fellfarbe – er, der Student, verfolgt ihre Bewegungen. Dazu bekamen sie Halsbänder mit  Sendern. Nun erfährt er, wann sie die Wasserstellen aufsuchen, wo sie in der Nacht grasen, welche Strecken sie über den Tag zurücklegen. Zu uns gesellte sich Prof. W. von der tiermedizinischen Universität Wien,  Experte für Wildtiere: das Projekt, der Bestand an Takhi-Pferde  wachse. Bald  gebe es Wildpferde nicht mehr nur im Reservat, sondern auch außerhalb der Zäune und dann könne man Kontakte zwischen Haus- und Wildpferden nicht mehr verhindern. – Nun, wir wollten natürlich die Pferde auch selbst sehen, ein Wildhüter begleitete uns hinaus in die Landschaft. Auf einem Hügel ließ er anhalten und richtete sein Fernglas auf eine Kette niederer Gipfel. Da drüben seien sie und dort sei auch eine Herde Khulane. Wir glaubten es, aber wir sahen nichts. Immerhin sahen wir drei oder vier Takhi-Pferde in einem Gehege bei der Station.  Wir wurden ungeduldig, wir wollten auch  an diesem Tag noch gehen, wenigstens zehn Kilometer.

Zehn Kilometer durch die Leere. Die Piste durchquerte die Hochfläche zwischen den niederen, schroffen, ausgeglüht wirkenden Felskämmen im Süden und den gewaltigen Blöcken des Altai im Norden. Schotter aus allen möglichen Gesteinen, Basalt, Granit, schiefrigen Platten bedeckte die Steppe. Im Frühjahr war sie abgeweidet worden, jetzt war sie verlassen. Wer sollte auch hier leben, außer den drei Takhi, die wir doch tatsächlich hier, weit außerhalb des Reservats sahen. Auch sie sahen aufmerksam zu uns herüber. Sie waren natürlich noch weit von uns entfernt. Näher als fünfhundert Meter kamen wir ihnen nicht.

Aber es war ein Erlebnis. Wir wussten nun: es gibt Takhi, die in Freiheit leben. Für dieses Erlebnis nahmen wir Spuren menschlicher Anwesenheit in Kauf: entlang der Piste lag fast in

regelmäßigen  Abständen jeweils eine Bierflasche, ‚mal links des Wegs, ‚mal rechts. Nun, immerhin hatte man die Flaschen nicht zerschmettert, sondern nur ausgetrunken und zum Fenster hinausgeworfen. Man könnte, wenn einen die Bierflaschen über zwanzig, dreißig Kilometer begleiten, ins Grübeln kommen; zumindest muss man feststellen, dass jemand mit einem großen Vorrat an Bier, chinesischem Bier,  über Land gefahren war. Dem wird es so gegangen sein wie uns: man geht oder fährt durch eine leere Ödnis und die Leere in einem versucht sich zu beschäftigen, eben damit, dass man über jene nachdenkt, die sich die leere Zeit der langen Fahrt damit vertrieben haben, dass sie Bier tranken und die Flaschen zum Fenster hinaus warfen. Die Piste wurde jeden Monat eigentlich nur immer vierzehn Tage lange mehr befahren. Denn jeden Monat öffneten die Chinesen für vierzehn Tage den Grenzübergang westlich von Ulgii. Dann  decken sich Mongolen und Kasachen auf den Märkten jenseits der Grenze ein mit allem, was China bietet. Jetzt war die Grenze geschlossen und wir hatten die Piste für uns allein.

Der Mongole, der auf der Forschungsstation arbeitete, hatte uns erklärt, am nächsten Tag würden wir einen Mann treffen, der dort allein das Heu bewache. Wie sollte man sich das vorstellen: steht er vielleicht dort inmitten des Heuvorrats, vielleicht mit einem Prügel in der Hand, um das Heu gegen Diebe oder gegen das Vieh zu verteidigen? Und allein? 

Am frühen Nachmittag des folgenden Tages erreichten wir eine Senke, die sich von der südlichen Bergkette hinunter bis zum Rand des Altai erstreckte, der sich im Norden wie ein Wall aus der Steppe erhob. Auf dem Hang  jenseits der Senke schienen Gebäude zu stehen; die Senke selbst war geradezu bevölkert von Vieh, von wohlgenährten  Rindern. Das Gras war sicher nicht nach dem Geschmack europäischer Rinder; Büschel fester, fast mannshoher Halme wuchsen  auf den Erdhöckern,  zwischen denen wir uns einen Weg suchten. Die Gebäude, die wir schon aus der Ferne gesehen hatten, waren die üblichen, aus Schlammblöcken gemauerten Unterkünfte, von denen aus die Familien im Winter das Vieh versorgen. Eigentliche Dächer hatten diese Häuser nicht,  auf eine Lage  von dünnen Baumstämmen hatte man nur ein dicke Schicht Schlamm geschmiert. Denn es fiel weder viel Regen, noch viel Schnee. Ein Junge schleppte einen Sack mit getrocknetem Mist von einem der Häuser zum Auto. Eine Familie war also in dieser Ansiedlung zurückgeblieben; die anderen Häuser waren verlassen und mit Vorhängeschlössern gesichert. Im Schulgebäude, sagte Ariuk, lebe auch eine Familie.

Ein Motorradfahrer hielt. Er  arbeitete für eine Telefongesellschaft und anscheinend verwaltete er auch diese Ansiedlung; vielleicht haben wir auch etwas nicht ganz richtig verstanden. Auf alle Fälle wusste er: hier hat ein Mann die Aufgabe, das Vieh von einer Wiese fernzuhalten, die sich weiter oben hinter der Bergkette liegt. Auch die Wildpferde und die Gazellen muss er fortscheuchen, denn diese Wiese wird gemäht. Der Motorradfahrer hatte sogar einmal hier in der Gegend  eine Herde von zwanzig Wildeseln gesehen. Dort wird Heu gemacht. Er meinte, fünfhundert Tonnen. Ganz ordentlich, das wären hundert Lastwagenladungen. Jetzt sind die Familien aber dreißig Kilometer von am Fuß des Altai und in seinen Tälern. Nur jetzt haben sie für drei, vier Tage das Vieh heraufgetrieben, weil sie das Naadam  besuchen, das hundert Kilometer von hier stattfindet. In drei bis vier Wochen kommen alle fünfzig Familien wieder zurück. Fünfzig Familien: das bedeutet eine Menge Vieh. Allein an Ziegen und Schafen fünfzehn- bis zwanzigtausend Tiere sein und dazu noch die Rinder, die jetzt in der Senke  weiden, und die Pferde. Fünfhundert Tonnen Heu reichen gerade, um am Ende des Winters geschwächten Tieren überleben zu helfen.

Im Augenblick wichtiger war es zu erfahren, Chinesen würden fünfundzwanzig Kilometer von hier eine Straße bauen, eine Straße von der Grenze bis zu den Kohlevorkommen im Altai. Natürlich hätten Mongolen keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz, außer Frauen. Aber Mongolinnen wollten nicht für Chinesen arbeiten und erst recht nicht  unter Chinesen. Heutzutage, sagte ich, kämen keine chinesischen Truppen mehr, sondern Arbeiter und Ingenieure. Damit hatte ich bei unserem neuen Bekannten die Schleusen der Chinesen-Feindschaft geöffnet. Genauso sei es, meinte er, wo die Chinesen ihren Fuß hinsetzten, da blieben sie; sie wollten herrschen, sie sähen in anderen Völkern nur Unterworfene; sie dächten nur an sich. -  Aber wir mussten noch einmal über die „Chinesen-Straße“ reden: wo denn gebaut werde und  wie lange denn die Baustelle sei, wollten wir wissen. – Kurz gesagt, überall werde gebaut. Bei Barlag würden wir auf die Straße stoßen.  Das waren keine angenehmen Aussichten, denn Bauarbeiten bedeuten Lastwagen, Staub, Dreck, Abgase. Und eigentlich konnten wir die Chinesen-Straße kaum vermeiden. Aber bis zum Abend würden wir noch gar nicht bis Barlag kommen.  

Wir hatten uns die Strecke, die wir an diesem Tag, am 26. Juli, vorgenommen hatten, ungünstig aufgeteilt, so dass wir am Nachmittag noch zwanzig Kilometer gehen mussten und sehr müde, zum Umfallen müde, zum Auto kamen, aber nicht müde genug, um uns nicht von Oner auf die Gazellen hinweisen zu lassen, die am nördlichen Abhang des Gebirges grasten. Jetzt fehlte uns noch ein Wolf und – ein Schneeleopard. Auf unseren einsamen Wanderungen stellten wir uns vor, ein Wolf oder ein Schneeleopard könnte auf einem vorspringenden Felsen liegen und uns beobachten.

Um Mittag des folgenden Tages trafen wir Oner und Ariuk in der Nähe von Barlag. In der Nähe bedeutet, es waren noch drei oder vier Kilometer, also eine halbe oder eine Dreiviertelstunde bis zu den Häusern, die wir schon sahen. Wir sahen aber auch eine Baustelle mit Bagger und Lastwagen, die anscheinend mit Schotter beladen wurden, andere Lastwagen, die die Piste entlangfuhren und Staubgewölke hinter sich her zogen, das sich weit über die Landschaft verbreitete. Das sah nicht gut aus. Die beiden war schon im Dorf gewesen, - nun ja, Dorf ist eigentlich schon zu viel gesagt, es war eine Ansammlung von Häusern, von denen die meisten auch  wieder erst im Winter bewohnt sind, - und hatten vergeblich versucht, Wasser zu kaufen. Aber es gab weder Wasser, noch Reis oder Kartoffeln, erst recht keinen löslichen Kaffee, für meine Frau.

Ein Motorrad näherte sich, dieses Mal mit zwei Männern. Sie seien Wildhüter und weil sie unseren Furgon gesehen hätten, hätten sie gedacht, sie müssten einmal nachschauen, wer wir seien, ob wir ein Gewehr dabei hätten, denn sie müssten verhindern, dass jemand wildert, gerade die Wildesel seien in Gefahr, weil manche Leute sich von deren Leber Heilung versprächen. – Was sie denn unternähmen, wenn jemand eine Gazelle oder einen Wildesel schösse? -  Dann fahren wir dorthin. – Und dann? – Dann folgen wir den Spuren. – Na, dann viel Erfolg.

Was erfuhren wir noch von den beiden? Zweihundert Takhi-Pferde leben schon außerhalb des Reservats. Und noch etwas Wichtiges: Die Gobi-Wölfe sind die schnellsten, - Wölfe natürlich. Denn sie müssen so schnell sein, weil die Pferde der Gobi sehr schnell sind und weil es nicht so viel Wild gibt, nicht so viel Beute.Der eine der beiden Wildhüter hat einmal gehört, dass ein Mann auf einem Motorrad mit 80 Sachen einen Wolf verfolgt hat und ein anderer Wolf verfolgte wiederrum den Mann auf dem Motorrad. Sie hatte ihre Zigarette zu Ende geraucht und fuhren weiter, möglichen Wilddieben auf de Spur, und auch wir brachen zur unserer Nachmittagswanderung auf. Um es nicht zu vergessen: dort wo die Straße, die Chinesen-Straße, den höchsten Punkt erreiche, da habe man Verbindung zum Telefonnetz, kündigten uns die beiden an.
Wir wollten die Straße vermeiden, die ohnehin noch eine Stunde vor uns lag, wo sie von Norden aus dem Gebirge kommend nach Süden abbog. Aber später wurde es doch mühsam, neben der Straße, wo die Baumaschinen Schrammen und Kerben in die Erde gekratzt hatten, den Hügel hinaufzugehen. Und so viele Lastwagen waren es nicht, die Aushub und Baumaterielien die Straße entlangfuhren. Deswegen also hinauf auf Fahrdamm, der noch aus festgewalztem Schotter bestand. Die Mitte markierten rote Stoffetzen, Bruchsteine deuteten an den Rändern den Standstreifen an. Einige Kilometer weiter begegnetem wir einem Bautrupp, der gerade diese Steine auslegte. Chinesen wittern heutzutage nicht bei jeder Kamera gleich Spionage und kein Parteisekretär achtet darauf, dass Kontakte zwischen Chinesen und Ausländern unterbleiben. Chinesen sind freundlich, stellen sich mit lustigen Gesten vor den Fotoapparat und schütteln einem die Hand. Chinesinnen, vor allem junge Frauen kichern, aber warum sage ich das, das kennt man. Allerdings konnte man bei den jungen Frauen, die mit einer gewissen Eleganz gekleidet die Breite der Straße vermaßen, nur vermuten, dass es sich um Chinesinnen handelte, denn zum Schutz vor der Sonne hatten sie sich das Gesicht derart verhüllt, dass man kaum die Augen sah und die waren von der Sonnenbrille verdeckt. Aber das Kichern verriet: sie waren Chinesinnen.



Zehn Kilometer vom Ort des Mittagessens entfernt aber bei weitem noch nicht auf dem höchsten Punkt der Straße, noch nicht auf der Passhöhe trafen wir Oner und Ariuk. Das hatten wir schon oft erlebt, schon oft überblickten wir den Verlauf einer Piste, die sich drei oder vier Kilometer ein Tal oder einen Hang hinaufzog. Aber hinter dem Punkt, den wir so lange schon vor Augen gehabt hatten, ging es noch einmal hinauf, dieses Mal aber im Auto. Sooft wir auch das Telefon zum Fenster hinaus streckten, es meldete keinen Empfang. In einem Lager der Bauarbeiter sah Oner die großen Jurten chinesischer Kasakhen. Dort erkundigte er sich, wie weit wir noch auf der Straße fahren konnten. Und endlich blickten wir vom Pass aus in das nächste Tal. Von Empfang aber noch keine Spur. Aber ein Furgon ist, wie gesagt, geländetauglich, also: 'rauf auf die Kuppe des nächsten Hügels: auch keinen Empfang.
In einer Mulde zwischen den Hügeln schlugen wir unser Lager auf, anscheinend war hier auch einmal die Jurte einer Nomadenfamilie gestanden; wir sahen, wo sie die Schafe und Ziegen in der Nacht gehalten hatten. Seltsam: welche Leute es auch immer gewesen waren, sie hatten mit Pfosten und groben Brettern ein kleines Viereck in den Sand gesteckt und zwar so, dass die Oberkante der Bretter kaum aus dem Boden ragte. Oner machte eine abwehrende Geste, als ich mit einem dieser Bretter den Sand abziehen wollte, damit keine Steine unter dem Zelt lagen. Ariuk meinte, das Viereck sehe aus wie das Grab eines Kindes. Die Kasakhen, hatte ihm Oner gesagt, suchten, wenn sie zu Pferd unterwegs sind, zum Übernachten gern die Nähe von Toten auf; sie fühlten sich dort beschützt.

Folge 3

Am nächsten Morgen blieb uns nichts anderes übrig, als zunächst einige Kilometer mitzufahren, bis die alte Piste von der neuen Straße abbog und, von einer Telefonleitung begleitet, nach Altai führte. Seltsamerweise, wenigstens in unserer Vorstellung, finden sich immer wieder die gleichen Ortsnamen wie z. B. Altai. Aber bei dem hiesigen Altai, das im Aimag Hovd lag, handelte es sich, - das sahen wir einige Stunden später, um ein elendes Dorf, nun ja, eigentlich war es auch nicht anders als Bulag oder das Dorf in Takhin Tal. - Wir gingen also der Leitung nach, die anscheinend nicht mehr in Betrieb war, Drähte hingen herunter, waren durchschnitten, einzelne Masten fehlten, anderen neigten sich - gewissermaßen ihrem Ende entgegen. Eigenartig war, dass die Masten, die mit starkem Draht an Betonpfosten hingen, nicht auf dem Boden standen, vielmehr hatte man knapp über dem Boden ein Stück herausgesägt. Ich muss zugeben, ich hielt eine Narretei für möglich, dergestalt, dass die Arbeiter dieses Stück heraussägten, weil es ohnehin überflüssig sei, angesichts des Umstands, dass der Mast am Betonpfosten hing. Auf diese Weise könnten sie - bei soundsoviel Masten für einen Brennholzvorrat gesorgt haben. Manchmal teilt man sich doch dies und jenes mit, auch wenn man wegen des Winds fast schreien muss. Als ich mich gegenüber Hanne über eigenartiges Verhalten von Mongolen äußerte, meinte sie, es sei doch klar: der Mast solle nicht vom Boden her faulen.
Wir sahen das Dorf schon, Bäume überragten die bunten Dächer, - aber wir kamen ihm kaum näher und gingen dabei Stunden zunächst über nackten Schotter, dann durch dichtes schulterhohes Gras. Ein alter Mann hatte auch hier die Aufgabe, das Vieh fernzuhalten. Er scheuchte einige Schafe, die sich über die Piste auf die Weide verirrt hatten, wieder zurück in die Steppe jenseits der Piste. Denn, so sagte er uns, diese Weide werde abgemäht. Er war, wie üblich, zu uns herübergekommen, um etwas zu erfahren, genauso wie der Junge, der uns wenig später begegnete. Ich bin sicher, sie werden immer noch davon erzählen, wie sie zwei eigenartigen Weißen begegnet sind, die behauptet haben, sie seien auf dem Weg nach Ulgii, und Ulgii war zu diesem Zeitpunkt noch an die fünfhundert Kilometer entfernt.
Eigentlich hatten wir mit Oner und Ariuk vereinbart, dass wir sie in Altai treffen. Aber eine halbe Stunde vor Altai winkte uns Ariuk hinüber zum Furgon. Wir hatten damit nichts gewonnen, auch dorthin war es fast noch eine halbe Stunde. Die übliche Nudelsuppe stand schon bereit. Sie tat gut, vor allem, weil es mühsam gewesen war, kreuz und quer über jene höckrige Wiese zu stapfen.
Die nächste Begegnung: ein älterer Mann auf einem Motorrad, Kappe, braunes Poloshirt über einem kleinen Bauch, gepflegte Erscheinung - der Tierarzt des Bezirks, der richtige Mann, um uns den Weg zu erklären.



Ich möchte eigentlich noch über Altai hinaus nach Süden gehen. Dort soll laut Karte ein ausgetrockneter See liegen. Denn ich will noch mehr Gobi sehen, ich will sehen, wo die Mitte von Nirgendwo ist. Aber Ariuk übersetzt, dort gebe es keinen Weg, wir sollten nach Westen gehen bzw. fahren, dort auf jenen hellen Fleck zu. Ja, aber....wandte ich ein, da auf der Karte sei doch eine Piste eingetragen, die durch den ausgetrockneten See führe. - Ariuk übersetzte wieder, der Tierarzt wisse nichts von einem Weg. - Ich vermutete, Oner wollte nicht ins Unbekannte hinausfahren. Nun gut, zunächst müssten wir ohnehin ins Dorf fahren.
Altai war ein Dorf wie alle andern auch. Die öffentlichen Gebäude zerfielen, bei einem war die Außenwand heruntergebrochen. Ziegen waren über die Trümmer hinweggestiegen und lagerten nun im Schatten einer Amtsstube. Das bedeutete nicht, dass der mongolische Staat am Ende war. Nur der Popanz, der die Fassade früher gestützt hatte, war in sich zusammengefallen. Imperien brechen zusammen und lassen Trümmer zurück, die Menschen bleiben und arbeiten weiter, wie sie es gewohnt sind.
Die neue Zeit wurde von zwei Läden vertreten, in denen wir uns mit abgepacktem Wasser, Zwiebeln, Äpfeln, Kartoffeln und Marmelade eindeckten. Draußen vor dem Dorf stand ein hoher Antennenmast, dort soll man auch Verbindung zum Telefonnetz haben. Aber man konnte das Telefon in die Höhe halten, drehen, wenden, es tat sich nichts. Nun durften wir keine Zeit mehr verschwenden. Wo wir den Tierarzt getroffen hatten, setzte uns Oner ab. Ich war überzeugt, es gab einen Weg, der uns weiter nach Süden, aber doch auch in Richtung Bulgan führte. Bulgan lag am südlichen Ende des Tals, dem wir über Hunderte von Kilometern nach Norden folgen wollten. So war es vorgesehen: zuerst durch die Gobi, dann durch den Altai. Natürlich waren wir schon die ganze Zeit in der Gobi. Der Schotter, die paar Kräuter, die Salzkruste, das war die Gobi. Aber ich wäre denn doch gar zu gern noch eine oder zwei Stunden nach Süden gegangen, um mich dann nach Nordwesten zu wenden. Ich ließ es darauf ankommen und ging.... und ging nach Süden. Der Abstand zwischen meiner Frau und mir vergrößerte sich schnell. Keiner von uns sagte etwas und irgendwann hatten wir uns aus den Augen verloren. Auch wenn es mich ärgerte, dass wir nicht mehr dem eigenen Willen folgen konnten, sondern uns auf die Ortskenntnis des Tierarztes und seinen angeblichen Rat verlassen sollten, so war es natürlich nicht richtig, unsere Gemeinsamkeit durch meinen Ärger in Gefahr zu bringen. Nun gut, ich setzte mich in die salzverkrustete Mulde zwischen den Erdhöckern und wartete - ratlos - ab. Ich sah, wie Hanne weiterging, dann verschwand sie für eine Weile in einer Senke, schließlich wandte sie sich um und ging zurück, dorthin, wo man uns abgesetzt hatte; das war drei oder vier oder fünf Kilometer zurück. Es war doch Zeit, das Spiel zu beenden und den Ärger zu vergessen; ich rannte hinter ihr her und holte sie ein, als sie prüfte, ob ein grasiger Erdhöcker trug. Nein, er trug nicht, weil er sich mit Wasser vollgesogen hatte. Da und dort hatte sich das Wasser in Tümpeln gesammelt, aus denen zwar diese Höcker wie Inseln ragten, aber sie waren zu weit voneinander getrennt und nicht genügend tragfähig. Es blieb also nichts anderes übrig, als den ganzen Sumpf entlang zurückzugehen, denn er lag quer zu der Richtung, die wir hätten einschlagen sollen.



Es dauerte eine Weile, bis der Ärger verraucht war; wir gingen noch lange schweigend den Hügel hinauf, vorläufig hatten wir die helle Stelle vor Augen, nach der wir uns richten sollten. Aber irgendwann war sie hinter einer Kuppe verschwunden, es dämmerte, die Wasserflaschen waren leer und wir fühlten den Weg, den wir heute gegangen waren, in den Beinen, jeden einzelnen Kilometer. Und da kam Oner am Steuer des Furgon hinter uns hergefahren, hielt, wir stiegen ein - gegen alle Vorsätze. Er hatte uns gesucht, weil wir schon einige Stunden überfällig waren und weil wir dieses Mal eben nicht nach den Koordinaten eines Treffpunkts gegangen waren, sondern uns an einen Fleck in der Landschaft halten sollten, den man nicht von jedem Punkt aus sah. Mehr ist von diesem Abend nicht zu sagen, Ariuk hatte das Feuer in Gang gehalten. Das warme Essen tat gut, denn am Abend wurde es immer sehr kühl. Also ins Zelt, in den Schlafsack, in der Kleidung, nur die stinkenden Socken mußten draußen bleiben. Keiner von uns beiden mußte etwas sagen; es reichte, dass wir gesehen hatten, wie schnell man sich entzweien kann. Dabei wollten wir doch das Erlebnis und die Erfahrung dieser Wanderung mit in die gemeinsame Zukunft nehmen. Denn gemeinsame Erinnerungen sind keine Last, im Gegenteil, sie erleichtern den Gang durchs weitere Leben.
Der nächste Tag begann damit, dass sich eine Erfahrung bestätigte: hinter dem vermeintlichen Pass, auf den man Stunde um Stunde zuläuft, geht es noch höher hinauf. Gewöhnlich verliert man, was man an Höhe durch viel Schweiß gewonnen hat, weil sich vor der nächsten, noch höheren Kuppe eine Senke ausbreitet. Aber schließlich hatten wir auch die höchste Kuppe hinter uns und stiegen einen angenehmen, sandigen Weg hinunter, der einem eher flachen Tal folgte. Zu beiden Seiten des Tal hatte die Natur selbst einen Steingarten vielfältiger Kräuter und Blumen angelegt. Das Schmelzwasser hatte die Hügel angeschnitten, so dass die Schichten, die Gletscherströme abgelagert hatten, vor unseren Augen lagen.



In der "alten" Zeit, die nun schon wieder zwanzig Jahre zurücklag, hatte die Baubrigade des Sum, also des Kreises, einen Brunnen angelegt, der, wie konnte es anders sein, geradezu dazu aufforderte, Schaf- und Ziegenfelle, Flaschen und Schuhe hineinzuwerfen, so wie im Westen eine fachgerecht verputzte Wand dazu auffordert, sie zu besprühen.
Dort wo das Tal sich in der Ebene verlor, trafen wir Ariuk und Oner. Um die nächsten zwei Stunden zusammenzufassen, reichen Stichworte: Tee, Nudelsuppe, Dösen. Endlich einmal im Schatten dösen. - Weiter. Oh, diese Nachmittagswanderung, meistens waren es nur zehn Kilometer, eigentlich nur zweieinhalb Stunden. Aber meistens konnten wir es kaum erwarten, den Furgon zu sehen. An diesem Abend sahen wir ihn sicher schon aus einer Entfernung von drei oder vier Kilometer; man ahnte ihn mehr, als man ihn sah. Er stand, so sah es aus, am Rand eines ausgetrockneten Sees. Aber je mehr wir uns ihm näherten, um so breiter wurde der grüne Gürtel, der ihn noch von der öden, leere Fläche trennte. Ariuk und Oner waren schon bei den Gehöften gewesen, die entlang des Talgrundes standen. Aber anscheinend kehrten die Familien erst wieder zurück, wenn sie die Herden aus dem Sommerlager zurück ins Tal führen. Niemand konnte also sagen, ob man geradewegs über den trockenen Seeboden fahren konnte. Aber zunächst stand ohnehin das Abendessen und die Übernachtung an. Morgen würde man weitersehen. Aber gerade auf dieser Stelle konnte man kein Zelt aufbauen, der Boden war mit groben Steinen übersät. Das Essen war zwar schon fertig, aber danach fuhren wir einen oder zwei Kilometer, auf der Suche nach einem angenehmeren Lagerplatz, den wir in der sandigen Mulde zwischen den Hügeln fanden. Und auf den Hügeln, vielleicht nur zwanzig Höhenmeter über dem Zeltplatz: Kontakt zum Netz, hier in der Mitte von Nirgendwo! Wir hören das Klingeln, wir können uns vorstellen, wie im Haus eines unserer Kinder, im Flur, das Telefon klingelt. Ja, hallo? - Uns gehe es gut, wir hätten schonsoundsoviel Kilometer, die Hose passe schon besser und wie es den Kindern gehe? - Ja ja, auch bei uns alles in Ordnung. - Nun, in der Mongolei gibt es schon lange keine Wegelagerer und Räuber mehr, aber es ist doch beruhigend, wenn man ein Lebenszeichen geben und empfangen kann.
Jenseits des Tals, am Fuß des Mongolischen Altai schien eine Piste zu verlaufen. Auf alle Fälle sahen wir weniger die Lastwagen selbst, als vielmehr die Staubwolken, die sie hinter sich herzogen. Wie aber konnte man hinüberkommen. Nicht nur Oner war die Vorstellung allzu unangenehm, der Furgon könnte irgendwo einsinken, wenn wir über den ausgetrockneten Seeboden fahren würden. - Ein Militärlastwagen erschien hinter einer Bodenwelle und pflügte durch den Sand. Bei solchen Gelegenheiten wartet Ariuk nicht erst auf eine Bitte meinerseits; rufend und winkend rannte er hinunter und brachte die Auskunft mit: man könne tatsächlich nicht geradewegs quer hinüber auf die andere Seite des Tals fahren, sondern müsse auf der Seite, auf der wir uns befanden, weiterfahren, an einigen Gehöften vorbei bis zu einer Guanz-Jurte. Dort gehe es nach rechts über einen Bach und dann immer die Piste entlang nach Bulgan. Vorerst aber schliefen wir.
Der weitere Weg war unklar; Karte und Natur widersprachen sich. Wir konnten keine Koordinaten festlegen, wenn nicht sicher war, dass der Furgon den Treffpunkt erreichen konnte. Es gab also keine andere Möglichkeit: wir mussten zu jenem Guanz fahren, der an der Piste nach Bulgan liegen sollte, und eben erst von dort nach Bulgan gehen. Vorläufig führte der Weg an eingezäunten Weiden und unbewohnten Hütten vorbei. Nach einer halbstündigen Fahrt sahen wir eine Frau, die vor ihrer Jurte arbeitete.


Sie konnte sicher Auskunft geben: Ja, man könne quer über das Tal hinüber zu der jenseitigen Piste fahren. Das ging nun nicht mehr, denn hier waren die Weiden eingezäunt, und die Familie dieser Frau hatte sogar ein Roggenfeld angelegt. Und weil sie sogleich die Gelegenheit ergriff, um bis zum Guanz mitzufahren, erfuhren wir, dass sie den Roggen im Winter mahlt, um Mehl zu verkaufen. Sie mahlt ihn von Hand, in drei Stunden zehn Kilogramm Mehl. Bei aller Achtung vor der Frau angesichts ihres harten Lebens und ihres Fleißes, aber sie roch etwas streng. Eine halbe Stunde kann länger dauern als dreißig Minuten.
Die Imbiß-Jurte stand am Fuß des Gebirges an einem klaren, munter plätschernden Bach. Die Piste nach Bulgan verlief über das abgeflachte Ufer des Bachs westwärts durch eine weit ausgedehnte Talebene. Der Guanz hatte Gäste, denn an die fünf Lastwagen standen in der Nähe des Bachs. Wir füllten unseren Wasservorrat oberhalb der Stelle auf, wo die Lastwagen gewaschen wurde.
Wir vereinbarten, der Furgon sollte siebzehn Kilometer die Piste entlang fahren, dort würden wir uns zum Mittagessen treffen. Ich will mir Wiederholungen sparen, es ist ohnehin überflüssig zu erwähnen, dass die Piste Stunde um Stunde bergauf führte, dass die Talebene unendlich weit ausgedehnt war, dass die niedrigen felsigen Bergketten im Süden unseres Weges wie ausgeglüht wirkten. Die Piste bestand aus einem Dutzend von Gleisen; jeder Fahrer wollte vor allem eines vermeiden: dass sein Lastwagen aufsaß; wer hätte ihm auch hier helfen können? Zwei Lastwagen kamen uns entgegen, offenkundig war die mongolisch-chinesische Grenze westlich von Bulgan geöffnet worden; woher sollten auch die Bauteile, die die beiden Lastwagen schleppten, sonst kommen? Der Fahrer des einen Lastwagen hatte sein Fahrzeug mit einem dreizackigen Stern geschmückt, ein Spaß, mehr nicht, denn jeder wußte, dass es sich um einen chinesischen Lkw handelte, dem die Mongolen sicher ebenso wenig zutrauten wie den chinesischen Motorrädern.
Bei Kilometer siebzehn gab es Suppe und zum Nachtisch eine Gurke und eine Tomate.- Kein Problem, wir wollten ohnehin abnehmen.
Die Zeit drängte, wir hatten noch an die zehn Kilometer vor uns und hofften, noch an diesem Abend in Bulgan - ins Internet gehen zu können. Aber so eilig, dass wir das Angebot zweier Autofahrer, uns mitzunehmen, angenommen hätten, so eilig also hatten wir es nicht. Ariuk und Oner hätten es sicher sehr merkwürdig gefunden, wenn wir ihnen im Auto hinterhergefahren wären. Die Strecke führte nun aus dem Gobi-Altai hinaus in ein Tal, jenseits dessen sich in der Ferne die Bergungetüme des Hohen Altai erhoben.



Die Piste stieß auf die Chinesen-Straße, auf der wir angesichts des geringen Verkehrs weitergingen. Bald war sie sogar schon asphaltiert und wir kamen bemerkenswert schnell voran. Aber eines ist merkwürdig: auf der Asphaltstraße fühlten wir uns von der Landschaft ausgeschlossen und es kam uns vor, als säßen wir im Reisebus und die Landschaft flöge an uns vorbei. Irgendwann stand der Furgon am Straßenrand. Wir hatten unser Tagewerk vollbracht. So schnell ging es aber denn doch nicht nach Bulgan: an der Tankstelle weit draußen vor der Stadt schickten uns Polizisten von der Straße. Eine ganze Reihe von Lastwagen wartete dort, nämlich darauf, dass der Präsident des mongolischen Parlaments mit seiner Begleitung die Stadt verließ. Zeitpunkt unbestimmt. Sicher hatte es seinen Sinn, dass die Straße auf den ersten beiden Kilometern außerhalb der Stadt von Verkehr freigehalten wurde. Aber nach Ulaanbaatar waren es noch tausendfünfhundert Kilometer. Nun gut, Ariuk ließ sich von meinen Bemerkungen anregen, schnell 'mal zu dem Polizeiposten hinüberzurennen: Ja, ein Auto mit ausländischen Gäste dürfe weiterfahren.
Unter den Hotels der Stadt auszuwählen, fiel nicht schwer: es gab nur eines und dieses eine hatte genau ein Lux-Zimmer. Immerhin, es war geräumig und ordentlich und an dem Bett gab es auch nichts auszusetzen. Wenn man zwischendurch einmal im Bett schläft, droht noch nicht die Verweichlichung, auch nicht, wenn man sich wieder einmal duschen kann und erst recht nicht bei dieser Dusche. Man erreicht sie von der Treppenkehre aus durch eine niedere Tür. In einem Winkel hängt der Duschkopf von der Decke, aus dem lauwarmes Wasser tropft. Gleichviel, wir wurden sauber. Darf ich auch das WC erwähnen? Das WC war ein Plumpsklo und das Plumpsklo befand sich draußen hinter dem Hotel in einer Ecke des Park-, Schrott-, Müll- und Wäschetrockenplatzes, ein windschiefes Häuschen mit Loch in der Tür. Ich stelle mir vor, das eigentliche Klo - früher sagte man bei uns "Abtritt" - bestand in zwei Betonplatten über einer Grube. Ich hatte von vornherein nicht die Absicht, es zu benutzen.
Wenden wir uns Interessanterem zu: ein Heiler bot seine Dienste an, nicht uns, er hatte vielmehr in der Zeitung bekannt gemacht, er komme für zwei Wochen nach Bulgan und werde jeden heilen. Ich ließ ihn durch Ariuk in unser Zimmer bitten und er kam mit einem dicken Ordner, zeigte mir die Schreiben dankbarer Patienten, die Zertifikate der Mongolischen Akademie für traditionelle Medizin, der Burjatischen Hochschule für Esoterik, des Verbandes der mongolischen Schamanen, der russischen Akademie für Geistheilung und eines Oberlama, eine beglaubigte Kopie des Präsidialbüros des tschechischen Präsidenten, eine beglaubigte Kopie eines Zeugnisses der mongolischen Volksuniversität - es war überwältigend. Er habe, sagte er, schon zwei Millionen Menschen geheilt. Und gerade jetzt, da es anfing, interessant zu werden - ich wollte von den Methoden hören - jetzt wurde wir gemahnt aufzubrechen, wenn wir noch einkaufen und vor allem ins Internet gehen wollten. 

Bulgan ist für mongolische Verhältnisse ein recht großes Dorf oder Sum. Dort, wo wir wohnen, redet man eher von Kreisstadt. Gerade wegen seiner Größe waren die üblichen Probleme nicht zu übersehen: die meisten Bewohner waren arbeitslos. Die Männer täuschten sich mit Bier und Schnaps darüber hinweg, dass sie nicht gebraucht wurden. Auf dem großen öden Platz saßen sie und rauchten und tranken; dann und wann kam oder ging einer torkelnd und schwankend. Wir bemühten uns, niemanden anzusehen, sie nicht zu beachten, um allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Viele Geschäfte, nun ja, Geschäfte, hatten schon geschlossen oder waren gar nicht erst geöffnet worden. Und diejenigen, die ihren Laden geöffnet hatten, boten an, was alle solche Läden in der Mongolei anbieten: jede Menge Süßigkeiten, Telefonkarten, chinesische Textilien und deutsche Gurkenkonserven und Pralinen, letztere der Marke Alpenglück.- Wir kauften, was wir brauchten und zogen uns ins Hotel zurück. Das Internet konnten wir vergessen.



Zum Abendessen hatten wir uns Huschuur bestellt. Huschuur werden aus sehr dünnem Teig gemacht, der mit gewürztem Hackfleisch gefüllt und in Öl gesotten wird, etwas vom Besten in der mongolischen Küche, viel besser als gekochtes Schaffleisch am Knochen oder auch als Murmeltier, das im eigenen Balg gegart wird. Wir mussten den beiden Frauen in der Hotelküche bestätigen: ihre Huschuur waren - verzeihen Sie das Wort - lecker.
Der Heiler hatte anscheinend eine Patientin. Er machte nicht viel Umstände um "Datenschutz" oder "Intimsphäre". Die Tür zu seinem Zimmer stand offen, wir sahen die Frau sitzen, auf dem Tisch schwelten Räucherstäbchen. Ich ließ ihn bitten, sich nach der Behandlung zu uns in den Speiseraum zu setzen. Er kam, sogar mit seiner Frau. Sie ergänzen sich bestens, denn sie arbeitet als Weissagerin oder Hellseherin. Was denn jene Frau gehabt habe, fragte ihn ihn. - Sie leide schon lange an der Leber. - Was denn mit der Leber los sei? - Sie sei nicht richtig durchblutet.- Und jetzt habe er sie geheilt? - Nein, noch nicht ganz, sie müsse noch vier Mal kommen. - Und wieviel müsse sie dann bezahlen? - Achtzigtausend Tugrik.- Achtzigtausend, er sei sehr bescheiden. - Ich muss nebenbei erwähnen, achtzigtausend Tugrik entsprechen etwa 100.- DM. Das ist doch günstig. Ich hätte gesehen, sagte ich, die Frau sei so vermummt weggegangen, dass man nur noch die Augen gesehen habe. - Ja, sie müsse sich vier Wochen verhüllen und außerdem nichts von der Ziege essen. - Kein Fleisch? - Kein Fleisch und keine Milch, nichts von der Ziege.- Und wie er sie denn geheilt habe? - Er habe seine Kraft in den Händen. Wem er die Hände auflege, der sei geheilt von Leberbeschwerden, von Lungenkrankheiten, von Kopfschmerzen. Einmal habe er sogar einen Menschen von Krebs geheilt, einem anderen habe er die Sprache zurückgegeben und auch einen Blinden habe er geheilt.- Ich mahnte Ariuk mit einem Blick, er solle sich unbedingt das Lachen verkneifen. - Schade, sagte ich, wir beide seien gesund, nur die Blasen an den Füßen seien lästig.- Der Heiler mußte zugeben, für Blasen sei er nicht zuständig.- Ich wandte mich an seine Frau: ob sie denn glaube, dass wir auf unseren eigenen Füßen in Ölgii ankämen.- Sie sei ganz sicher, daß wir es schafften, denn wir seien jung und gesund.- Das tat uns gut. Wir vertrauten ihr.
Allzu lange durften wir das Gespräch nicht ausdehnen, denn irgendwann gehen in Bulgan die Lichter aus, in ganz Bulgan. Nun stellen Sie sich vor, Sie - müssen in der Nacht einmal aufstehen. Sie tasten sich an der Wand entlang und finden die Tür. Ihre Frau ruft: Halt, nimm mich mit. Sie antworten: Hier. Aber das ergibt keinen Sinn. Irgendwann hat sie sich an drei Wänden herumgetastet und Sie fassen sich an den Händen. Nun also hinaus in den nächsten Raum, links herum oder rechts herum? Links müßte die Tür zum Flur sein. Sie ertasten die erste Zimmertür, die zweite. Nach der wievielten stehen wir eigentlich vor der Treppe? Die Hand greift ins Leere, jetzt müßte es die Treppe hinuntergehen. Dann stehen Sie wieder vor einer Wand, das müßte der Treppenabsatz sein. Jetzt nur noch ein paar Stufen und Sie stehen im Empfangsraum, stoßen sich mit dem Schienbein an einem Stuhl und es eilt und Sie erinnern sich, dass die rechte Wand neben der Eingangstür auf die Außenwand stößt und es eilt noch mehr. Sie öffnen die innere Tür und es eilt ganz arg und dann ist die Außentür verschlossen. Zurück. Sie erkennen ein Fenster, öffnen es, schwingen ein Bein über die Fensterbrüstung.... oh nein! Und im gleichen Augenblick leuchtet draußen eine Taschenlampe auf und jemand ruft: He und öffnet die Tür.
Am nächsten Morgen war der Heiler in seinem gelben Seidenwams chinesischen Schnitts schon wieder auf den Beinen, aber es drängte uns aufzubrechen. Von heute an mussten wir das hunderte Kilometer lange Tal nach Norden gehen, durch den Hohen Altai, dessen Berge zum Teil eine Höhe von über viertausend Metern erreichen.
Ariuk und Oner brachten uns noch hinaus aus Bulgan und setzten uns am Ausgang des Tals ab, - nachdem wir ihnen die Koordinaten des nächsten Treffpunkts gegeben hatten. Aber die Koordinaten sagten nichts darüber aus, ob der Treffpunkt links oder rechts des Baches lag, ob wir auf dieser oder jener Seite des Tals entlang gehen sollten. Wir entschieden uns für die rechte, also östliche Seite und wanderten Stunde um Stunde an eingezäunten Wiesen entlang, wo man anscheinend zunächst Heu machen wollte, bevor man sie als Winterweide freigab. Wenige Meter über dem Talgrund standen da und dort die einfachen, kleinen, flach gedeckten Häuser, in denen die Familien, zehn oder zwanzig Menschen, den Winter verbrachten. Jetzt waren diese Behausungen durch Vorhängeschlösser gesichert, die Fensteröffnungen verrammelt. Sie hatten schon große Haufen getrockneter Kuhfladen aufgeschichtet, das Heu würde erst später herbeigeschafft werden.


Folge 4

Das Tal wandt sich um Berge und Felsen herum, so daß sich auch die Richtung des GPS-Zeigers schwankte. Aber je länger wir gingen, um so dringender wurde die Entscheidung darüber, ob wir auf dieser Seite bleiben oder hinüber gehen sollten, wenn uns auch jeder der alten Männer, die Ziegen hüteten oder auf den eingezäunten Wiesen arbeiteten, bestätigte, dies sei der Weg nach Ölgii und 
Tolbo, - wo sie vielleicht nie gewesen waren. Krumm und bucklig, ausgemergelt und verbraucht und trotzdem noch gebraucht und benutzt, solange sie sich nicht zum Sterben niederlegten, - ihnen zu begegnen bedeutete sich zu fragen, was der Mensch wert ist, nicht nur hier unter diesen Umständen.     Wir, die  Fremden, bemühen einen gewaltigen  Aufwand, um dann diesen Menschen gegenüberzustehen, die uns beschämen, weil wir nicht wissen, ob wir uns des Werts der 
menschlichen Existenz würdig verhalten.

Wir mußten uns durch die Büschel mannshohen Grases kämpfen, um auf die andere Talseite zu gelangen, denn der Weg, den wir bisher gegangen waren, wurde offensichtlich wenig befahren. Anscheinend hatte man uns schon beobachtet, denn ein Reiter näherte sich, ein Junge von vielleicht siebzehn Jahren. Er zeigte zu einem dieser weiß gestrichenen Gebäude aus Schlammsteinen.Aber bevor wir Ariuk und Oner nicht gefunden hatten, konnten wir uns nicht einladen lassen. Ob er den 
Furgon sehe und ob er diesseits oder jenseits des Flusses stehe. Er meinte: jenseits. - Gut, er 
könne uns doch sicher auf dem Pferd hinüberbringen.- Natürlich, aber vorher ritt er zur Jurte seiner Familie, um seinen Leuten Bescheid zu geben, - und kam mit einer Tasche voller Hartkäse und 
Buuz zurück und hatte außerdem gesehen, dass der Furgon diesseits des Flusses stand. Und dann machte er einen netten Fehler: er wollte mir Gelegenheit geben, mich einmal auf ein mongolisches
Pferd zu setzen. Aber ich ließ mich nicht bloß führen, sondern packte die Zügel und ritt voraus in Richtung des Furgon. Meine Frau und der Junge folgten zu Fuß; für ihn war das sicher sehr 
ungewohnt, aber es waren doch auch nur zwei Kilometer. Für mich waren sie um so angenehmer, 
auf die zwei Kilometer, die ich nicht zu Fuß gehen mußte, kam es mir nicht an, vielmehr darauf zu zeigen, dass es für mich nichts Besonderes war zu reiten.

Der Junge studierte in Ulaanbaatar und zwar Architektur, immerhin  Architektur und nicht Deutsch 
oder Englisch oder Rechtswissenschaft. Denn wo könnten  auch die vielen Deutsch- und Englisch-
Lehrer beschäftigt werden, von den Juristen ganz zu schweigen? Auch die Viehhalter wollen ihren Kindern eine bessere Zukunft sichern. Die sehen sie vor allem außerhalb der Landwirtschaft, in der 
Stadt und schicken ihre Kinder auf eine der vielen Einrichtungen, die sich Hochschule nennen.

Mit diesem Jungen wollten wir in Verbindung bleiben, er sollte ein Bild bekommen und würde uns - hoffentlich - auch später noch sagen, wie es mit dem Studium weiterging, wie seine Familie lebte.


Eigentlich war es im Tal des Bulgan Gol einfach, sich zu orientieren: man musste nur den einen 
Weg entlang gehen und der hielt sich an den Verlauf des Flusses. Aber es war denn doch 
angenehm, Koordinaten festzusetzen, denn dann wußten wir, wie lange wir noch zu gehen hatten 
und wann wir Ariuk und Oner trafen und vor allem, wann es Mittag- oder Abendessen gab. Ariuk war
bei der Eingabe der  Längen- und Breitengrade  geradezu auf unangenehme Weise, für mich unangenehme Weise  schnell. Er hatte den Dreh heraus und nannte die Entfernung immer schon vor
mir. Diesen Vorsprung von einer halben Minute großzügig zu übersehen, fiel mir ganz und gar nicht 
ein, nein, er ärgerte mich geradezu. Was soll man dazu sagen? Kindische Kleinigkeiten. Ich machte klar, dass ich es war, mit dem meine Frau die Strecke bewältigen mußte, indem ich mir Zeit ließ. 
Ich setzte mich an einen Baum und erwartete verstanden zu werden. Bald meldete sich die Vernunft auch wieder, beiderseits, und wir machten uns erst jetzt eigentlich auf den Weg, - nachdem wir 
endlich wieder einmal gebadet hatten. Die Tröpfchen-Dusche des Plumpsklo-Hotels zählte nicht.
Wir gingen zwischen alten knorrigen Espen auf grünen polsterweichen Matten den Bach entlang. 
Kaum einer der Bäume war noch so, wie ihn die Natur hatte wachsen lassen. Meistens waren sie entstellt, indem man ihnen wenigstens einen Ast genommen hatte, abgesägt als Feuerholz. Fehlte 
dann schon ein Ast, dann waren die Hemmungen klein, einen weiteren Ast abzusägen, vielleicht 
sogar den oberen Teil der Krone.



Verstümmelte Bäume, Baumkrüppel säumten Weg und Bach. Dabei waren die Bäume, die noch standen, nur ein Rest, der darauf hindeutete, dass das Tal einmal bewaldet war. Jetzt taugte der schmale Streifen beiderseits des Bachs bestens als Weide, - weil Ziegen und Schafe verhinderten,
dass junge Bäume nachwuchsen, wenn eine dieser Baumruinen einmal dem Alter und den 
Menschen zum Opfer gefallen war. Bach, Bäume und grüne Polster, das war aber denn doch ein hübscher Anblick und bot Gelegenheiten zu malerischen Bildern.



Unser Lagerplatz lag  unmittelbar am Fluß. Sein Rauschen geleitete uns durch die Nacht, eine angenehme Nacht, anders als meistens, wenn in der Wärme des Schlafsacks verschwitzte Haut 
klebte.

Der weitere Weg folgte dem Fluß. Manchmal traten Felswände dicht an den Fluß heran, dann 
weitete sich das Tal wieder und der Fluß wandt sich in Mäandern über die ganze Breite des Tals. 
Dort, wo die Felsen dem Fluß kaum Raum ließen, war der Weg in den Felsen gesprengt und 
gehauen worden und zwang jeden Fahrer, sich mit viel Gefühl voranzutasten, damit der Kraftwagen
weder am Felsen entlangschrammte, noch aufsaß.



Einige Stunden, nachdem wir am Morgen aufgebrochen waren, sahen wir den Furgon bei zwei Jurten stehen, und er fuhr an, gerade als wir vom Weg in Richtung der beiden Jurten abgebogen waren. 
Das war doch seltsam; sie hatten sich unterhalten und wir sollten weitergehen? Wir winkten, Oner 
fuhr eine Runde und kehrte wieder zurück. Ariuk klärte das scheinbare Mißverständnis auf: es 
handelte sich um Imbiß-Jurten, also Guanz. Da wollten wir in der Tat nicht bleiben, aber weil aus der einen Jurte eine Frau mit drei Kindern zu uns herkam und weil sich Oner offensichtlich weiter gern 
mit der Frau unterhielt, die den anderen Guanz betrieb, nutzten wir die Gelegenheit doch, um uns zu unterhalten. Diese Frau wartet wie alle, die entlang des Weges von Ölgii über Bulgan zur 
Grenzstation mit dem einfachen Wort "Guanz" für sich werben, darauf, dass die Chinesen den Grenzübergang wieder für vierzehn Tage öffnen. Bis dahin hielten vielleicht am Tag ein oder zwei Lastwagen oder ein Kleinbus  vor ihrer Jurte. Ein kleines Kind trug sie auf dem Arm, zwei weitere versteckten sich hinter ihrem Rücken, aber sie kamen hervor, als Hanne dem größeren Mädchen Süßigkeiten in die Hände legte, das sie gleich der Mutter weiterreichte und die wiederum verteilte 
sie. Kein Streit. Die kleineren Kinder also waren bei der Mutter geblieben, ein Junge half dem Vater,
der mit dem Vieh ins Sommerlager gezogen war. Achtzig Pferde besaßen sie. Als wir uns ent-
schlossen weiter zu gehen, unterhielt sich Oner immer noch mit der Frau von der anderen Jurte.




Am Abend meinte ich zu ihm, er habe sich sehr angeregt mit ihr unterhalten, obwohl sie recht leicht, allzu leicht angezogen gewesen sein. In Ölgii, in der Aimak-Hauptstadt,sagte er, seien die Frauen 
oft auch nicht anders angezogen. Diese Guanz-Frau war Mongolin, wir wanderten noch durch den 
Aimak Govi-Altay. Ölgii aber ist die Hauptstadt von Bayan-Ölgii, das muslimischen Kasachen 
prägen.

Der Weg führten in vielen Windungen am Fluß entlang. Felswände traten auf unserer Seite - wir
waren bisher rechts des Bulgan Gol gegangen,bis an das Ufer heran und zwangen uns, den Fluss 
zu überqueren, schwierig bei dieser Strömung, auch wenn uns das Wasser nur bis zu den Knien 
reichte. Aber weil wir auf den glitschigen Wackern keinen festen Stand gehabt hätten, ließen wir die Schuhe an. Bevor sie trocknen konnten, mußten wir weiter oben den Fluß noch einmal überqueren.
Die letzten Kilometer vor dem Treffpunkt der Mittagsrast waren eine Qual. Die Strömung hatte mir 
Sand und kleine Steine in die Schuhe gespült. Bis ich mich endlich darum kümmerte, hatten sich 
da und dort, eigentlich überall, Blasen entwickelt, die mir Hanne während der Rast versorgte. Nun 
ja, so geht es, wenn man meint, die Mühe könne man sich bis zur Rast, die doch ohnehin bald fällig 
sei, sparen.

Folge 5

Ariuk und Oner hatten für die Mittagsrast einen hübschen, geradezu idyllischen Ort ausgesucht, den polsterweichen Rasen außerhalb einer Mauer, die ein sich nach Osten  erstreckendes Hochtal als Winterweide begrenzte, unterbrochen nur für einen Bach, der  von den Höhen des Altai herunterplätscherte.

Hier hatten wir reines Wasser, hier konnten wir die geschundenen Füße kühlen und waschen. Bei 
dieser Gelegenheit einige Bemerkungen zu den Füßen: auf der Wanderung durch den Osten der Mongolei hatte ich immer nur ein und dasselbe Paar Schuhe einer bestimmten Marke getragen, 
ohne auch nur eine Blase zu bekommen. Deswegen hatte ich  für diese Wanderung genau die 
gleichen Schuhe gekauft. Aber dieses Mal haben sich immer wieder neue Blasen entwickelt, unter 
den Zehen, an der Ferse, auf den Fußballen, wo auch immer. Aber das stellt man sich unan-
genehmer vor als es tatsächlich war. Ein Pflaster drauf und weiter ging's, - wenn man die Blasen 
nicht öffnete, sondern wartete, bis sie trockneten.

Weiter, immer weiter, der Weg entfernte sich manchmal vom Fluß und verlief über den Ausläufer 
eines Bergs, dann traten die Felswände von Osten und Westen wieder nah an den Fluß heran und 
durch eine schluchtartige Biegung. Zwei junge Männer kamen uns auf einem Motorrad entgegen.


Natürlich wunderten sie sich auch darüber, hier einem europäischen Paar zu Fuß begegneten und hielten. Ich hatte mittlerweile schon oft - auf Mongolisch - erzählt, was wir da täten; das war schnell erledigt und dann fragten wir sie aus. Sie suchten Gold und dazu hätten sie sich über China einen amerikanischen Golddetektor besorgt. Den hatten sie noch hinter sich auf das Motorrad gepackt. 
Damit kann man zwar Gold finden, - ich will es zu ihrem Vorteil einmal annehmen, - aber für die Gewinnung von Gold hatten sie eine von einem Benzinmotor getriebene Wasserpumpe dabei, die der Beifahrer auf dem Rücken trug; beide trugen natürlich keinen Helm. Ich bat sie, mir ihre Adresse zu geben. Aber sie hatten Bedenken;  ihre Adresse wollten sie uns nicht anvertrauen. Aber die 
Aussicht auf ein schönes Bild brachte sie wenigstens dazu, uns ihre Namen und Mobiltelefon-
nummern zu geben. Ich hoffe, das Bild hat sie mittlerweile erreicht.

Den Furgon  fanden wir an diesem Abend unmittelbar am Fluß. Das Zelt hatten die beiden noch 
nicht aufgebaut. Nachdem wir uns einmal daran gestört hatten, dass der Lagerplatz zu steinig war, 
warteten sie immer unsere Ankunft ab und dann stellte Ariuk zusammen mit Hanne das Zelt auf, 
dieses Mal nur wenige Schritte vom Fluß entfernt auf einer Geländestufe.

Eine Viertelstunde vom Lagerplatz entfernt hatten wir jenseits des Flusses eine Jurte bemerkt; das 
Tal war dort sehr eng, für Bäume und Jurte blieb nur wenig Raum. Eine Frau verließ die Jurte mit 
Asche und verschwand wieder mit Trockenmist. Ein Mann machte sich zu schaffen, ohne dass wir erkannt hätten, womit. Dann und wann erschienen ein, zwei Kinder, - wenn sie sich, wie ich 
vermutete, vom Fernsehgerät hatten trennen können. Neben der Jurte stand auf alle Fälle eine mannshohe Satellitenantenne. Wenn ich mich recht erinnere, wurde sie auch einmal wieder zurechtgerückt.-

                                                                            

Ich bat Oner, mit mir den einen Kilometer zurückzufahren, weil ich dieses Bild festhalten wollte, 
wenn auch die Antenne störte. Und danach das Übliche: das Abendessen, zu dem Oner vielleicht 
zum letzten Mal das Fleisch jener bekannten Ziege verwendete. Danach rieten wir ihm, den Rest 
doch lieber den Vögeln oder Füchsen oder Krähen zu spenden. Aber das Abendessen war, das 
muss ich ausdrücklich erwähnen, gut und sättigte alle. Satt, ein Bad im Fluss, das sind die Voraussetzungen für einen erholsamen Schlaf.

Während des Frühstücks bekamen wir Besuch: einen Reiter, der Rinder vor sich hertrieb. Die Kühe gingen von allein weiter, er blieb, denn er unterhalte sich gern. Er, Mongole vom Stamm der Torghut, unterhalte sich auch gern mit den Kasachen, denn sie seien alle Nomaden und verstünden sich. Die anderen seiner Familie seien mit dem übrigen Vieh im Sommerlager, er kümmere sich nur um die 
Kühe, die, wie gesagt, ohne ihn weitergingen, aber wo sollten sie auch hin, sie konnten nur immer 
dem Tal folgen. Er sei sechsundvierzig Jahre alt und habe fünf Kinder, von denen drei studierten.

                                 

Und einmal habe er die Bekanntschaft einer amerikanischen Studentin gemacht; sie sei auch zu 
Fuß unterwegs gewesen und er habe ihr irgendwelche Zeremonien der Torghut gezeigt. Wir 
befürchteten schon, "Westler" wären  schon massenhaft den Bulgan gol entlang gegangen. 
Wenigstens erweckte, was Ariuk übersetzte, diesen Eindruck. Aber es stellte sich heraus, dass 
jene Amerikanerin die Aimak Bayan-Ölgii und Govi-Altai mit dem Auto bereiste, weil sie da und dort alt-türkische Inschriften fotografieren wollte. Unser neuer Bekannter versicherte uns, er werde überall
von uns erzählen. - Fragen Sie also in den Jurten am Bulgan gol nach dem deutschen Ehepaar. - Immerhin, er hatte eine Neuigkeit für uns: eine halbe oder eine Stunde von hier lebe ein alter Mann. 
Ein alter Mann mit einem weißen Bart, allein.- Das klang nach einem Einsiedler, einem Eremiten, 
einem buddhistischen Heiligen. Das interessierte uns, den wollten wir treffen.

Nach einer Stunde, - der Weg führte über einen Hügel oberhalb des Flusses, - machten uns die 
beiden, Ariuk und Oner, auf sich aufmerksam. Ob wir uns wirklich mit dem alten Mann unterhalten wollten, er sei aber nicht sehr gesprächig und außerdem sei seine Frau und ein junges Mädchen 
bei ihm. Aus mit der Vorstellung, uns mit einem weisen Einsiedler über Gott und die Welt zu unter-
halten und hier im Nirgendwo so etwas wie eine Offenbarung zu empfangen. Aber wir wollten uns 
doch mit ihnen unterhalten und fanden uns bestätigt in unserer Erfahrung, dass es manchmal 
gerade für Ausländer leichter ist, ein Gespräch in Gang zu setzen und zu fragen. Mann und Frau 
waren sogar recht gesprächig. Sie waren wirklich alt, auch für unsere Begriffe, er dreiundachtzig, sie achtundsiebzig.

         

Ihm fiel das Gehen schwer: die Knie, ja, wenn die nicht wären, dann könnte er noch arbeiten. Ich erzählte, in Europa ließen sich die Leute neue Kniegelenke einsetzen und nannte aufs Geratewohl Kosten von fünfzehntausend Euro. Aber auch zweitausend wären für ihn zu viel. Ein Auge hatte man entfernen müssen und auf dem anderen sehe er auch nicht mehr gut.  Aber er saß uns, wie üblich 
mit - nun, wie eigentlich? - also im üblichen mongolischen Sitz - Sie wissen, es gehört sich in der Mongolei nicht, die Fuß- oder Schuhsohlen zu zeigen - sonst aber aufrecht uns gegenüber, seine 
Frau ebenso, nur hatte sie ein Bein aufrecht gestellt und ihre Arme darum geschlungen. - sie hatten einander gewählt, sie war damals  achtzehn Jahre alt, er dreiundzwanzig. Ihre Verbindung war also 
nicht durch Vermittlung zustande gekommen.Ihre Eltern waren Nachbarn. Damals als sie in ihren Zwanzigern waren, das war ihre schönste Zeit. Dreizehn Kinder hatte die Frau geboren, zwei von 
ihnen hatten die Kindheit nicht überlebt, drei Kinder wurden im Krankenhaus geboren. Wer ihr denn 
bei den anderen, immerhin bei zehn Geburten geholfen habe? Sie wies mit einer  Kopfbewegung auf
ihren Mann. Dreizehn Kinder - und die Frau saß uns in straffer Haltung gegenüber; keinesfalls hätte 
man sie als "verbraucht" oder "ausgelaugt" bezeichnen dürfen. Sicher, sie schlank oder eher hager, 
aber sie wirkte kräftig. Bei einem Mann hätte man gesagt: "drahtig". Die überlebenden elf Kinder 
seien, sagten sie, alle verheiratet und der Jüngste habe schon fünf Kinder, insgesamt dürften sie 
an die sechzig Enkel haben.

Es stellte sich heraus, dass auch die eine, leicht bekleidete Frau, die wir am Vortag gesehen 
hatten, ihre Tochter war. Dann ergab sich aber ein Widerspruch. Uns hatte man gesagt, sie sei nicht verheiratet. Ariuk meinte später, jene Frau sei nicht eigentlich leichtlebig, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber sie habe einige, vielleicht zu viele Männer gekannt und jetzt die Gelegenheit vorbei zu heiraten.

Folge 6

Aber mit diesem Widerspruch wollte und durfte ich die beiden Alten nicht behelligen. Ich fragte sie lieber danach, wie es denn damals gewesen sei, in der alten Zeit. Nun, der Mann war zunächst für die Schafe verantwortlich, dann auch für die Kamele und für die Jagd obendrein. Und dann wurde ihm die Aufgabe übertragen, sich um das Bauwesen zu kümmern, oder in der Sprache der damaligen Zeit: er leitete die Baubrigade des Sum, legte Brunnen an und baute überdachte Heulager. Man hörte heraus, dass er überzeugt war, wichtige und sinnvolle Arbeit geleistet zu haben; aber andererseits merkte man auch, die Rückkehr zum althergebrachten Leben empfand er als Befreiung. Es war leicht und einfach, sein Vieh aus der Genossenschaft herauszunehmen und sich selbständig zu machen. Aber jetzt? Wir hatten in der Umgebung kein Vieh gesehen, vielleicht wurde es von Verwandten versorgt, deren Sommerlager in einem Seitental lag oder irgendwo grasten doch zwei oder drei Kühe, um die sich die dreizehnjährige Enkelin kümmerte, ein hübsches und dabei schüchternes Mädchen, das sein Gesicht in den Händen verbarg, als wir sie fragten, ob sie einmal einen Viehhalter heiraten möchte. Statt auf solche Fragen zu antworten lag es ihr mehr, sich aufs Pferd zu setzen. Und auf dem Pferd machte sie wirklich eine gute Figur. Aber zurück zu ihrem Großvater: die Knie, wenn nur die Knie noch mitmachten. Sie beide seien noch nie krank gewesen, noch nie im Krankenhaus. Und er fügte hinzu: er habe auch nie geraucht und getrunken, also Schnaps getrunken. Da sei seine Frau sicher sehr froh gewesen, dass sie einen solchen Mann geheiratet habe.- Sie lächelte. Und er meinte, heute rauchten und tränken die jungen Leute zu viel. Das sei überhaupt früher anders gewesen. Mir fiel auf, dass die Streben, die das Dach formten, nicht in dem hölzernen Reifen steckten, sondern am oberen Ende mit einem Seil zusammengebunden waren. Sie erklärten, sie dürften sich eigentlich hier nicht aufhalten. Wenn jemand von der Sum-Verwaltung komme und sie darauf hinweise, dann könnten sie sagen, sie seien unterwegs und hielten sich nur für eine Rast hier auf.
Nun fiel mir denn doch keine Frage mehr ein und es war ohnehin Zeit zu gehen. Ich bemerkte zu Ariuk, die beiden Alten seien doch ganz und gar nicht abweisend oder schweigsam gewesen, sie seien im Gegenteil froh gewesen, dass sich jemand für ihr Leben interessierte. Vielleicht aber spielte auch der geringere Altersunterschied zwischen uns und dem alten Ehepaar eine Rolle.
Wir waren kaum eine halbe Stunde gegangen, - der Weg verlief über einen Rücken und schnitt eine Schleife des Flusses ab, - als uns Ariuk wieder hinunter in die Talebene rief: hier seien Quellen, warme Mineralquellen. Ariuk und Oner waren durch einen alten Kasakhen darauf aufmerksam gemacht worden. Dieser alte, stattliche Mann kümmerte sich anscheinend um diese Quellen, was auch immer das bedeutete. Immerhin hatte er dort, wo das Wasser aus dem Hang austrat, ein kleines Becken angelegt, nur so groß, dass er sich im Winter hineinsetzen konnte. Wir sollten einmal von dem Wasser trinken, es helfe gegen viele Krankheiten. In der Tat, es war lauwarm und schmeckte, - wie Wasser eben schmeckt. Er und seine Frau hatten bei den Quellen einen ganz einfachen Unterstand errichtet, indem sie nur zum Schutz gegen die Sonne ein paar Decken über zusammengesteckte Äste gelegt hatten. Aber sie waren so ausgestattet, dass sie es einige Zeit dort aushalten konnten und bewirteten uns freigibig mit Butter, kasakhischem Käse und Gebäck und vor allem mit gezuckertem Kefir. Wie man sieht, waren die beiden ganz kasakhisch gekleidet, - eigentlich waren sie das erste und letzte in herkömmlicher kasakhischer Tracht gekleidete Paar, das wir auf unserer Wanderung trafen.



Aber in ihrem Verhalten gerade uns Gästen gegenüber unterschieden sie sich überhaupt nicht von den Mongolen. Ich durfte sie fotografieren, nur ihre Namen erfuhren wir nicht. Ich solle das Bild Oner schicken, er werde es ihnen geben. Oner war sichtlich froh, endlich wieder unter Kasakhen zu sein und war ungewohnt gesprächig; nur erfuhren wir leider nicht, worüber er mit den beiden redete.
Nun gut, weiter, wir waren an diesem Morgen noch kaum zwei Stunden gegangen und hatten uns lange aufgehalten, um so später würden wir uns zum Mittagessen treffen. Natürlich bot sich uns immer wieder ein neuer Anblick; aber ich will nicht schon wieder beschreiben, wie sich das Tal hier verengt, so daß der Weg sich vom Fluß trennen muss, während es sich nach der nächsten Flußkehre wieder zu einer breiten Ebene öffnet. Nur am Fluß entlang war die Erde so fruchtbar, dass uns der Weg machmal durch brusthohes, kräftiges Gras führte. Die Halden, die - wie man es sich gut vorstellen konnte - die von den Berghängen herabdrängenden Gletscher vor sich hergeschoben hatten, schienen nur grün zu sein, ließen aber nur ein paar schwache niedrige Kräuter zu. Der Fluss, besser gesagt, der Strom musste einmal das Tal aus dem Gebirge herausgefräst und das ganze Tal ausgefüllt haben, hatte die Halden angeschnitten und dort oben ganze Reihen gewaltiger, abgeschliffener Felsblöcke abgelegt.



In einem Talkessel wuchs das Gras derart üppig, dass man anscheinend zuerst heuen wollte, bevor man dort das Vieh im Winter hielt. Deswegen war die Wiese von einer hunderte Meter langen Trockenmauer umgeben und bald danach tauchten Häuser auf. Uns schien, auch ein Furgon stand zwischen den Gebäuden und freuten uns schon, auch wenn es eigentlich für das Mittagessen noch eine Stunde zu früh war. Es war aber auch nicht unser Furgon und bewohnt waren die Häuser auch nicht. Also weiter. Gleich hinter diesem "Winterdorf" stand - wir waren uns ganz sicher - doch ein Furgon und zwar am Bach, aber seltsamerweise verdeckten ihn zum größten Teil die Bäume und Büsche. Nach unserer Erfahrung wählten Ariuk und Oner den Ort für das Mittagessen oder für die Nacht so aus, dass wir sie schon von weitem sahen. Wir sahen zwar dort unten jemanden, aber auf unser Rufen hin verschwand er. Es war offensichtlich: dort unten am Bach hatten sich einige eingerichtet, um nach Gold zu suchen, und legten keinen Wert darauf, unsere Bekanntschaft zu machen oder gar fotografiert zu werden.
Zwar trafen wir bald auch unsere beiden jungen Männer, aber wir ließen sie noch sechs Kilometer vorausfahren, dann hatten wir nach unserer Rechnung unser Tagesziel erreicht. Bald nach einem Winterdorf mit seinen Gehöften, Ställen und Gattern hatten sie am Bach einen Ort zum Zelten gefunden. Auf dem Bild sieht man Wasserläufe, die sich teilen und grasige Polster zu kleinen Inseln machen; über Sträuchern biegen sich Birken im Wind und darüber erheben sich alte Kiefern. Aber man sieht nicht, wie schwierig es war, für das Zelt einen trockenen Fleck zu finden, und man hört nicht das Surren der Schnaken. Man kann, wie man so schön sagt, nicht alles haben, man musste nur schnell baden und essen. Dann trieb uns die Abendkühle ohnehin ins Zelt Und nebenbei bemerkt: bis zum diesem Abend hatten wir 368 Kilometer hinter uns gebracht.



Nun muss ich denn doch einmal zur besseren Orientierung ein Datum nennen: es war der dritte August, als wir uns wieder auf den Weg machten. Es strengte uns nicht besonders an, die ersten zwanzig Kilometer hatten wir um zwei Uhr nachmittags erledigt. Wieder lag eine Ansammlung von Winterhäusern an unserem Weg, allesamt unbewohnt mit Ausnahme von einem, in dem die Leute einen Guanz eingerichtet hatten. Die Lage bot sich dazu an, denn bevor man dort den Fluß auf einer aus Baumstämmen erbauten Brücke überquerte oder nachdem man ihn überquert hatte, bot es sich an, einen Imbiß zu sich zu nehmen oder - wie der Schwabe sagt - einzukehren.
Ein Mann wollte uns auch hineinbitten, aber es war noch nicht Zeit dazu.
Am Ende des Weilers konnte man sogar tanken; wenn man nach Süden fuhr, dann war es für einige hundert Kilometer die letzte Gelegenheit, allerdings musste man sich damit abfinden, dass man selbst pumpen musste und nicht sah, wieviel man getankt hatte. Aber die Leute,die die Tank-Jurte bewohnten, waren sehr freundlich. Wir mussten zwar auch ihre Einladung ablehnen, aber sie reichten auf einem Teller Käse und Süßigkeiten. Auch sie, ein Ehepaar und die Schwester der Frau, waren Kasakhen.Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen von vielleicht sechs Jahren, standen schüchtern dabei. Der Junge hatte rote Haare; auf das - man kann schon sagen - blonde Mädchen deutete eine der Frauen und meinte:Angli. Das sollte wohl bedeuten, das Mädchen sei blond wie eine kleine Engländerin. Ich hatte natürlich gleich - auf Mongolisch - gesagt, was wir da trieben, woher wir kämen und wohin wir gehen wollten. Das verstanden sie und fragten ihrerseits, wie alt wir seien, der Mann sei fünfzig. Ich denke, sie wunderten sich über uns. Hin und wieder tut es einem gut, wenn man merkt, dass jemand unser Vorhaben -angesichts unseres Alters - für erstaunlich hält.

Und weiter, weiter, zumal es nach Regen aussah.
Drei Kilometer vor Bulgan - dieses Bulgan lag nun schon im Aimak Bayan-Ölgii - sahen wir den Furgon am Bach stehen. Aber zwischen uns und dem Lagerplatz standen zu unserem Glück zwei Jurten einer kasakhischen Familie; in dem einen wohnte ein Ehepaar mit seinen drei Kindern, in dem anderen die Witwe des Bruders des Familienvaters. Von den Kindern führt die Älteste in Bulgan einen eigenen Laden, aber sie wohnt - natürlich - bei ihrer Familie. Die jüngere Tochter studiert in Ulaanbaatar auf einer privaten Hochschule Sprachen, nämlich Chinesisch und Englisch; sie möchte Dolmetscherin werden. Auch in den Ferien lerne sie ein bißchen. Es drängt sie aber nicht, an uns ihre Englisch-Kenntnisse auszuprobieren und das stimmt bedenklich; wer nicht zum Studium an einer staatlichen Hochschule zugelassen wird, weicht in der Mongolei auf eine private aus. Aber es ist sehr fraglich, ob das Studium an einer privaten Hochschule die Erwartungen der jungen Leute und ihrer Eltern erfüllt. Selbstverständlich gefällt es ihr in Ulaanbaatar; sie lebt bei Verwandten und wenn wir richtig verstanden haben, dann wohnt auch jene Familie in einer Jurte. Aber gewiß ist das nicht, denn das mongolische Wort für "Jurte", nämlich "Ger" kann zwar Jurte, aber auch Wohnung und Haus bedeuten. Und außerdem, sagt die Mutter, alle jungen Leute möchten nach Ulaanbaatar gehen. Auf dem Land werde das Gesicht so dunkel. Und das ist, füge ich hinzu, nicht so gut, denn dann sieht man gleich, dass sich derjenige mit Ziegen, Schafen und Pferden herumschlägt.



Der Junge geht in die neunte Klasse und lernt auch Englisch; er kann auch wie seine Schwester etwas Mongolisch, aber so wie sie ist auch er zu schüchtern, um sich an dem Gespräch zu beteiligen. Und außerdem ist es ganz und gar unüblich, dass sich Jugendlich am Gespräch der Erwachsenen beteiligen. Aber von ihrer Mutter, die währenddessen umfangreich aufgetischt hat, erfahren wir sehr viel. Während wir Tee trinken und dieses und jenen kleinen Happen essen, beantwortet die Mutter über Ariuk meine Fragen.



Eigentlich wohnt die Familie in einem Haus in Bulgan. Im Sommer hüten sie hier ihr Vieh: dreißig Kühe und Rinder, während der Vater dreißig Kilometer von hier, unterstützt von Verwandten, Heu macht. Zudem muß sich die Mutter mit den Kinder um das kleine Feld kümmern, auf dem sie Kartoffeln angebaut haben. Von der Gemeinde erhält eine Familie je Familienmitglied siebenhundert Quadratmeter, im Fall dieser Familie also dreitausendfünfhundert Quadratmeter. Der Traktor, der neben der Jurte steht, treibt die Wasserpumpe an. Eine internationale Organisation unterstützt das Projekt, an dem sechs Gemeinden von Bayan-Ölgii teilnehmen. Später erfahren wir: es handelt sich um World Vision. Den Anbau von Kartoffeln zu fördern war ohne Zweifel die Art von Hilfe, die die Menschen in der Mongolei brauchten. Und World Vision ist zwar ein christliches Hilfswerk, verzichtet aber darauf zu missionieren, anders als viele andere evangelikale Gruppen aus den USA. Aber hier arbeitete World Vision inmitten einer muslimischen Bevölkerung. Vielleicht erwähnt man deswegen auf der web site der Organisation nicht auch dieses Projekt, während die andere Projekte, die sich um Notleidende in Ulaabaatar und im Osten der Mongolei kümmern, ausführlich dargestellt werden. Oner hatte einmal erwähnt, in Ölgii habe sich eine Gruppe amerikanischer Missionare niedergelassen. Sie seien aber bald gebeten worden, Ölgii zu verlassen, sie hätten Unruhe verbreitet.
Das Gewitter hatte sich mittlerweile verzogen. Anscheinend durfte man sich sicher fühlen, so lange man sich in einer Jurte aufhielt. Im Juli aber sei, sagte die Frau, ein Junge vom Blitz erschlagen worden, der sich bei einem Gewitter bei den Pferden aufgehalten hatte, und ein Pferd dazu. - Wir mußten noch unsere Zelte aufbauen, ließen uns aber gern zum Abendessen bei dieser freundlichen Familie einladen. Bis wir wieder kamen, hatte sie Tsuivan oder auf kasakhisch Kordak gekocht. Schließlich wurde auch die ältere Tochter nach Hause gebracht. Wenn ich richtig verstanden habe, dann betreute der Kasakhe, der sie auf dem Motorrad brachte, das Ackerbau-Projekt. Nun waren einige jüngere Leute beieinander, ein Ball fand sich auch. Während sie Volleyball spielten, zogen wir uns zu unserem Zelt zurück.
So schnell, wie wir vorgehabt hatten, brachen wir doch nicht auf, denn einerseits war es kaum mehr als eine halbe Stunde bis Bulgan. Die Geschäfte würden erst gegen neun oder auch erst um zehn öffnen, und wir hofften, dies und jenes einkaufen zu können.
In Bulgan waren wir bald, im Grunde unterscheiden sich diese Dörfer oder Sum-Zentren kaum voneinander. In den mongolischen Dörfern war uns kein Tempel aufgefallen; hier gab es immerhin eine kleine, ärmliche, aber von außen her gesehen gepflegte Moschee mit zwei Minaretten; es schien noch nicht lange her, dass sie das erbärmliche Gebetshaus ersetzt hatte, das daneben stand. Hinter der Moschee stand ein mit einem halben Dutzend Antennen bestückter Mast. Eine Verbindung zum Telefonnetzt gab es aber trotzdem nicht. In der "alten" Zeit war ein großes Heulager errichtet worden, dem bis jetzt die Vernachlässigung nichts anhaben konnte, denn es hatte dicke, massive Natursteinmauern. Wir gingen die "Einkaufsstraße" entlang und rüttelten da und dort an der Tür eines Guanz oder eines Geschäfts, aber meistens war das gar nicht notwendig, weil die Vorhängeschlösser zeigten: Geschlossen.



Irgendwann musste hier einiges los sein, immerhin bot da und dort eine Imbißstube Billiard an, eine sogar Karaoke. Aber die meisten Wohnhäuser waren derart ärmlich und schäbig, dass fraglich schien, ob jeder Guanz, jede der vielen Garküchen genügend Gäste zum Überleben bekam. Wir hatten den Eindruck, wir verlören hier unsere Zeit, wenn wir weiter nach einem Laden suchten, der schon geöffnet war, und wanderten aus dem Dorf hinaus.
Eine halbe Stunde außerhalb des Dorfes begegnete uns ein Mann, begleitet von drei Kindern oder Enkeln, und machte eine einladende Handbewegung. - Nein, jetzt passt es uns nicht, wir wollen vorankommen, erst recht nach der Enttäuschung, die das Dorf bedeutet hatte. - Nun hatten wir seit Tagen die Reihe von Gruben bemerkt, die teils mitten in der Landschaft, teils entlang des Weges ausgehoben worden waren und dort wurden sie nicht etwa durch eine ordentliche Abschrankung, sondern nur durch ein paar Steinbrocken gesichert. Uns waren sie aufgefallen, weiter nicht. Jetzt wollte ich doch einmal in eine dieser Gruben schauen, die sich entlang unseres Weges hinzogen - und erblickten auf ihrem Boden eine kleine Ziege, die anscheinend hineingerutscht war.



Die Herde stieg in einiger Entfernung einen Hang hinauf. Ich rief dem Mann hinterher und winkte ihm und deutete auf die Grube. Er verstand gleich, dass etwas geschehen sein musste und kam zurück. Er und Hanne ließen eines der Mädchen an den Armen hinunter; das Mädchen seinerseits hob die Ziege soweit an, dass er sie an den Hörnern herausziehen konnte - und sofort galoppierte sie der Herde nach - ohne sich zu bedanken. Aber der Mann bedankte sich bei uns. Wir hatten eine kleine Ziege gerettet, hoffentlich aber nicht, damit sie allzu bald im Kochtopf landete.



Die dunklen Wolken, die über der westlichen Bergkette hingen, machten uns Sorgen. Hin und wieder tröpfelte es, kurz regnete es auch. In der Ferne grummelte der Donner. Die beiden, Ariuk und Oner, hatten uns noch nicht überholt; wir hofften, sie kämen rechtzeitig, um uns aufzunehmen. Das Donnern näherte sich, das Gewitter musste hinter der Bergkette liegen, denn wir sahen noch keinen Blitz, aber der Regen prasselte uns für Minuten ins Gesicht. Wir beeilten uns, um das "Haus" zu erreichen, das wir in der Ferne sahen; dort wollten wir auf den Furgon warten. Nur war dieses "Winterhaus" derart verwahrlost und verkommen, - Ampullen mit einem russischen Impfstoff gegen eine Rinderkrankheit lagen auch herum, - dass wir lieber vor dem Gebäude warteten, zumal es doch nicht mehr regnete.
Nach einer halben Stunde kamen sie: Motorprobleme, die angeblich einer von Oners Freunden behoben habe. Vielleicht haben sie sich aber auch nur - ohne Motorprobleme - zu lange bei jenem Freund aufgehalten.Wenn sie Zeit haben, dann lassen wir uns auch Zeit und vor allem lassen wir Oner hier und jetzt ein Mittagessen kochen; das brauchen wir, denn wir sind durchgefroren.
Nach zwei Stunden machen wir uns wieder auf den Weg, um die restlichen zehn Kilometer zu schaffen. Bald sehen wir den Furgon und gehen geradewegs auf ihn zu; in einiger Entfernung steht ein Zelt, dabei zwei oder drei Erwachsene, auch eine Frau mit einem kleinen Kind. Das muss beim Schlafen ein schönes Gedränge geben. Man winkt uns, aber wir können uns nicht mehr aufhalten lassen.
Der Furgon steht am Bach, den wir nun schon an die zweihundert Kilometer gegen die Strömung entlang gegangen sind. Hier rauscht er nicht mehr, er gluckst nur noch. Aber wo der Bach in einer Kehre Sand abgeladen hat, kann man sich bequem waschen.
Da wir nicht bei jenem Zelt Halt gemacht hatten, kamen drei junge Männer zu uns, um ganz in unserer Nähe zu mähen und zwar mit der Sense und nicht einfach mit der Sense, sondern mit einer Sense, die nur in der Mitte einen Handgriff hat und nur aus einer Stange besteht, an der das Sensenblatt mit Lederriemen befestigt ist. Immerhin, auf solche Befestigungen versteht man sich hier; sie sind so gut wie geleimt oder geschraubt. Der Schnitter fasst die Stange oben mit der rechten Hand, die linke Hand packt sie in der Mitte. Das Gras steht hier kaum handbreit hoch, aber das mähen sie mit der Genauigkeit eines Rasenmähers ab und zwar so, dass sich mit dem Lineal gezogene Schwaden ergeben. Nun, dem einen der jungen Männer wollte Oner denn doch zeigen, wie es geht, oder mehr, dass er diese Kunst auch beherrscht. Bei ihm sauste in der Tat das Sensenblatt nur eine Fingerbreite über den Boden. Man sah, es freute ihn und es fiel ihm schwer, die Sense zurückzugeben. Gerade jener junge Mann, dessen Sense Oner ausgeliehen hatte, ließ sich nicht lange bitten, ein paar Fragen zu beantworten: sie hätten schon drei Lastwagenladungen Heu gemacht. - Das wären zusammen etwa fünfzehn Tonnen.- Sie dürften auf dieser Seite des Flusses bis zur Brücke mähen. Sie hielten ihre Ziegen in der Nähe; von Dezember bis Juni seien sie hier. Im März bekämen die Ziegen Junge, dann erst bekämen sie Heu und eigentlich auch nur die schwachen Tiere. Dieses Jahr hätten sie fünfhundert Kilogramm Ziegen-Feinwolle bekommen. Ein Tier liefere etwa vierhundert bis achthundert Gramm. Und jetzt warteten sie mit dem Verkauf, bis der Preis für die Feinwolle steige.



Im übrigen ein Abend wie üblich: zuerst Tee, dann das Abendessen und dann bald ins Zelt, einerseits wegen der Schnaken, andererseits, weil es abends immer schnell unangenehm kühl wird.
Die Landkarte, anhand deren Hanne am Morgen wie immer die Koordinaten des Ziels feststellen wollte, und Oner sind verschiedener Ansicht über den Verlauf des Weges nach Ulgii. Oner meint, der Weg zweige hinter dem nächsten Ausläufer eines Berges nach links ab. Dort sei eine Furt, sie würden dort auf uns warten und uns noch über den Bach bringen. Nach der Karte aber, an die sich Hanne hält und nach allen bisherigen Erfahrungen zu recht, verläuft der Weg oder die Piste mehr nach Nordwesten.
Aber die Furt ist mangels Wasser keine Furt und deswegen haben sie auch nicht auf uns gewartet. Wir bleiben also auf dem Weg; etwas anderes wird Oner auch nicht übriggeblieben sein, denn bislang ist kein anderer Weg abgezweigt. Wir begegnen einem Reiter, der eine Herde von Kamelen das Tal hinunter treibt, in Richtung auf den kleinen Ort, den man gerade noch erkennen kann. Die Kamele lassen sich Zeit, es ist heiß und eines der Kamele legt sich in eine Pfütze. Deswegen läßt sich auch der Reiter Zeit, steigt ab und erwartet eine Unterhaltung. Nun gut, ich sage, was ich schon so oft gesagt habe: wir kämen aus Deutschland..... Er läßt sich fotografieren und gibt uns seinen Namen, besser gesagt, er nennt ihn uns; schreiben kann er nicht.



Vielleicht kann ihn Oner später trotzdem ausfindig machen, um ihm sein Bild zu überreichen.
Es geht weiter, immer weiter das langgezogene Tal hinauf. Manche Weiden sind eingezäunt, andere umgibt sogar eine hüfthohe Mauer. Anscheinend hat man den Bachlauf aufgeteilt, so dass die ganze Wiese - so gut es geht - bewässert wird. Gestern rasteten wir vor einer heruntergekommenen Bruchbude, heute ruhen wir eine halbe Stunde inmitten von Blumen auf Graspolstern und neben uns plätschert und gurgelt der Bach. Das ist ein Erlebnis. Ich kann mir nicht vorstellen, worin das Erlebnis besteht, wenn man eine Reise kauft, sagen wir, eine Schiffsreise in die Arktis. Nach dem Frühstück legt man sich in den Liegestuhl an Deck und läßt das Panorama an sich vorbeiziehen. Ein Erlebnis, das nichts weiter verlangte als ein paar Klicks im Internet und eine Überweisung? Mehr will ich dazu nicht sagen.

Nun wird der Weg immer steiler, das Tal verengt sich zur Schlucht, durch die der Bach über Felsblöcke hinuntertost, für den Weg wurde eine Schramme in den Hang gekratzt. Wir überholen einen Lastwagen, die Motorhaube ist zurückgeklappt, der Fahrer beugt sich über den Motor und schraubt und klopft. Ein anderer versucht auf seinen Wink hin, den Motor mittels einer Kurbel anzuwerfen. Solange wir zurückblicken können, tut sich nichts, aber schließlich fährt der Lastwagen doch an uns vorbei, kaum schneller als wir. Wir haben leider keine Zeit mehr, sonst würden wir in einem der Becken baden, zu denen sich der Bach aufstaut, wennihm ein großer Felsen den Weg verlegt; aber der Bach fließt auch zu tief unter uns.



Schließlich haben wir die Paßhöhe erreicht und damit auch den Furgon und vor allem das Mittagessen. Zur Suppe gibt es eine Neuigkeit: Oner habe einen Bekannten getroffen und von dem folgendes erfahren: In der Nähe findet ein Fest statt. Die jüngere Schwester von Beks Frau heiratet. Wir sind eingeladen. Vielleicht spielt jemand auf der Dombor. - Das hört sich natürlich gut an, aber uns beiden ist nicht ganz geheuer, denn wir sind, nun ja, dreckig und verschwitzt; so passen wir nicht auf eine Hochzeit und es ist vielleicht überhaupt zu aufdringlich, wenn wir erscheinen, wir Europäer unter so vielen Muslimen. Es ist aber denn doch eine einmalige Gelegenheit und wenn Bek uns einlädt, dann können wir es sicher wagen. Ich habe noch nicht erwähnt, wer Bek ist. Bek mit der weißen Braue über dem rechten Auge, mit vollem Namen Bekbolat Bugibay, gehört der Furgon; in seinem Auftrag fährt Oner Touristen durchs Land. Bek ist ein rühriger Bursche von an die fünfunddreißig Jahren und macht sein Glück; zwei Furgon hat er laufen und wenn es notwendig ist, dann fährt er selbst ein oder zwei Gäste im Geländewagen durch den Westen der Mongolei. Bek kennt jeder und er kennt jeden.- Außerdem ist er zuverlässig und dadurch hat er es geschafft, im Band 'Mongolei' von Lonely Planet erwähnt zu werden.
Wir vereinbaren mit Oner, dass wir beide noch sechs Kilometer gehen, dann würden wir einsteigen und zur Hochzeit fahren. Aber wir sind kaum drei Kilometer gegangen, als uns der Furgon schon entgegenkommt. Oner weiß nicht, ob bei dem Fest Musik gemacht wird und ob ich die Gelegenheit bekomme, Dombor-Musik aufzunehmen. Warum? Nun, in der Nachbarschaft sei ein einjähriges Kind gestorben, aber wir seien eingeladen. Wir fahren zunächst noch eine halbe Stunde die Hochebene entlang, durch die der Bulgan Gol fließt. Dann biegt Oner nach Westen ab, durchquert den Bach und quält den Furgon ein Seitental hinauf, weiter, immer weiter, bis wir schließlich die Sommerweide erreichen,einen 2600 m hoch gelegenen Talkessel, der von den Bergen im Westen, Süden und Norden gebildet wird. Es ist eine weite Mulde, über die verstreut die Jurten von sechs oder sieben Familien stehen. Im Norden steht die Jurte der Familie von Beks Frau, daneben ein großes Zelt aus schwerem, blauen Stoff, verziert mit Ornamenten. Anscheinend ist es das Küchenzelt. Beks zweiter Fahrer wartet auf uns; man schiebt uns in die Jurte und schiebt uns im äußeren Kreis weiter zu den Plätzen, die dem Eingang gegenüberliegen und den Ehrengästen vorbehalten sind. Alle rücken etwas enger zusammen, so daß wir uns auch noch dazwischensetzen können.



Niemand macht ein Aufhebens um uns, jeder schaut uns freundlich an und gleich reicht man uns eine Schale mit Tee und ein Schnapsglas haben wir auch bald in der Hand. Hier bleibt mir nichts anderes übrig, als mich im mongolischen Sitz niederzulassen, zwischen dem äußeren Kreis der Männer und älteren Frauen und Leuten in der Mitte ist eine niedere,überreich mit allen möglichen Speisen aus Fleisch einerseits und weißen Speisen andererseits gedeckte Tafel aufgebaut. Dazu kommen Süßigkeiten, Waffeln, in Öl Gesottenes aus Teig, Getränke usw. usw.



Aber am wichtigsten sollte eigentlich das Brautpaar sein; wo ist es denn aber auch? Ich folge dem Blick eines älteres Mannes, der nach einer kurzen, ernsten Rede sein Glas erhebt, - der junge Mann, der dort in der Nähe der Tür sitzt, das müßte der Bräutigam sein. Und die Braut? Im inneren Kreis sitzen einige Frauen, auch jüngere, vielleicht ist es jenes mollige Mädchen im fleischfarbenen Kostüm. Die junge Frau unterhält sich mit ihrer Freundin, nicht einen verliebten Blick dagegen gönnt sie ihrem Mann und zu verstohlenen Berührungen gibt es keine Gelegenheit; sie sitzen viel zu weit voneinander getrennt.

Folge 7

Immer wieder stand einer der älteren Männer auf, die links von uns auf Hockern saßen, und hielt, mit dem Schnapsglas in der Hand, eine Rede. Bemerkenswert war, dass diese Männer kaum die Stimme hoben, um sich gegen Lärm durchzusetzen; keiner rief mit einer witzigen Bemerkung dazwischen und die Reden selbst sollten die Zuhörer nicht etwa unterhalten, boten auch keinen Anlaß zu Gelächter, sondern enthielten  einfach ernste Glückwünsche. Am Ende erhob sich beifälliges Murmeln, man nahm auch sein Schnapsglas in die Hand und trank oder nippte, - je nach dem. Uns fiel eigentlich nur ein Mann auf, der schon recht lustig war und doch immer wieder zum Glas griff, worauf er von einer der Frauen ermahnt wurde und als das nichts nützte, legte ihm eine andere Frau die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Aber zur Volltrunkenheit fehlte auch bei ihm noch viel und die anderen Männer blieben ohnehin ernst und schweigsam. Ich fand, ich könnte auch einige Gedanken, von Ariuk übersetzt, vortragen und ließ anfragen, ob es erwünscht sei, und in der Tat wurde ich gebeten zu sprechen. Wir, meine Frau und ich, sagte ich, hätten auf den fünfhundert Kilometern, die wir bis jetzt gewandert seien, die unfruchtbare, steinige Gobi gesehen, seien grüne Täler  entlang gewandert, die Sonne habe auf uns heruntergebrannt und Blitze hätten uns  gedroht. So sei das Leben: manchmal bleibe unserer Arbeit der Ertrag versagt, dann erlebten wir Zeiten des Gedeihens; dann hingen wieder dunkle Drohungen über dem Leben. Aber wir beide seien immer zusammen gewandert und hätten alle Mühen gemeinsam bewältigt. Das wünschte ich auch dem Brautpaar, dass sie von jetzt an gemeinsam Glück und Leid trügen. - Ariuk, wie gesagt, übersetzte und ich freute mich über zustimmendes Murmeln. Da und dort erhob man sich, um die Jurte zu verlassen, aber ein junger Mann bedeutete ihnen, sie sollten sich setzen, und griff zur Dombra, dem zweisaitigen Instrument der Kasakhen und anderer zentralasiatischer Völker. Im Unterschied zur ebenfalls zweisaitigen mongolischen Pferdekopfgeige wird die Dombra wie die Gitarre geschlagen.

 Es tut mir leid, mehr verstehe ich davon nicht. Auf alle Fälle war es ein Erlebnis, dass wir lebendige Musik hörten, kasakhische Musik, keine Musik aus dem CD-Spieler und erst recht keine westliche Industriemusik. Nach dem Lied war es Zeit Abschied zu nehmen, denn heute sollte die Braut ihre Familie verlassen und  ihren  Mann in dessen Heimat begleiten. Unter Tränen umarmte sie die Männer und Frauen ihrer Familie, es schien kein Ende zu nehmen. Schließlich bat ich darum, das junge Paar möge sich zu einem Bild aufstellen. Der junge Mann wußte nicht recht, was er mit seinen Armen und Händen anfangen sollte. Vielleicht sollte er sie seiner Frau  auf die Schultern legen, nein, ging irgendwie nicht; oder sollten  sie  sich einfach an der Hand nehmen? Auch das schien ihm irgendwie, ich weiß nicht wie; dann legte er ihr den Arm um Hüfte, entschied sich aber dann doch für die Schulter. Anscheinend hatte er das Mädchen nicht oft berührt. Aber was bedeutet das schon?!

 

Nun wurde es aber doch ernst mit dem Abschied. Der junge Mann setzte sich ans Steuer eines mit Luftballonen geschmückten Geländewagens russischer Herkunft, ich nehme an, das Mädchen durfte auch vorn sitzen, wovon sie aber nicht viel hatte, denn diesen Sitz musste sie sich mit drei Frauen teilen, während weitere Männer, Frauen und Kinder auf  der Rückbank und auf dem Boden vor der Rückbank und auf den Oberschenkeln der anderen Platz nahmen. Nun, zehn Mitfahrer sind durchaus üblich. - Das Fest schien damit beendet zu sein und wir, meine Frau und ich, wollten nun auch aufbrechen, um einen Teil unseres Tagespensums doch noch zu bewältigen, aber Bek überredete uns zu bleiben und hier in diesem Talkessel zu übernachten. Jetzt war doch in der Jurte etwas mehr Platz. Es war nicht zu verkennen, dass sich zwei Dombra-Spieler einen Wettkampf lieferten. Auf den Vortrag des einen  antwortete der andere, indem er auf dem Instrument seine Fingerfertigkeit anhand besonderer technischer Schwierigkeiten  bewies. Der andere wiederum lud ein, ein Volkslied mitzusingen. Es war ein angenehmer entspannter Abend. An der "Frauenwand" saßen währenddessen wie schon den ganzen Tag die vier Frauen, zufrieden zwar, aber still und mit unbewegter Miene.

Eine von ihnen war die Mutter der Braut. Die Arme war, ich muss es leider so plump sagen, ganz einfach dick, nicht nur dick, wie manche Leute eben dick sind, sie hatte einen gewaltigen Umfang. Ich  schreibe das ungern, zumal wir kaum fünf Tage später, auch wieder unterwegs von anderen Leuten hörten, sie sei verschieden. Es machte ihr aber, wie wir gesehen hatten, auch zuviel Mühe  sich einmal von ihrem Hocker zu erheben und sich zu bewegen. Und dann noch die Hochzeit, das war zuviel für sie. Immerhin konnte ich ihren Angehörigen Bilder von ihr geben, sicher die letzten, die sie im Leben zeigen.

Dieser nahezu runde, von weiten Hängen umgebene Kessel lag 2700 Meter hoch. Auf dieser Höhe also befanden sich im Altai die Sommerlager. Wir hatten den fünften August, in etwa zwei Wochen würden die Herden hinuntergetrieben werden.

Am nächsten Morgen hielt es uns nicht länger, schnell ein Frühstück und dann hinunter ins breite Tal des Bulgan gol. Die nächsten Stunden sind schnell beschrieben: wir wandern durch eine leere Landschaft, kein Baum, kein Strauch wächst auf den vom Eis geformten Buckeln. Eine Herde von Kamelen wird von einem Reiter an uns vorbeigetrieben. Bald darauf überholen wir die Herde wieder. Der Reiter hat sich beim Furgon niedergelassen; daher haben es auch die Kamele nicht mehr eilig und zupfen da und dort dürres Gras oder Kraut ab. Ariuk und Oner haben zwei weitere Gäste unde mit Tee bewirtet, wie es sich gehört, und kaum waren wir angekommen, da hielt auch Bek, der mit den Hochzeitsgästen aus Olgii auf dem Heimweg war.

Da wir ohnehin die Koordinaten für den Abend festlegen mussten, erklärte ihm Ariuk, wie dieses Ding, der GPS-Empfänger, funktionierte. Ein paar Bilder noch, dann ging's hinauf. Schon zu Hause hatte uns dieser Pass beeindruckt und wir waren nicht sicher, ob wir ihn an einem Tag bewältigen könnten. Der Weg führte immerhin auf eine Höhe von mehr als 3000 Metern. Wir vereinbarten einen Treffpunkt unmittelbar nach dem Pass oder wo man sonst zelten konnte.

Der Weg führte in Serpentinen hinauf, immer weiter hinauf. Manchmal schien es, als verberge nur noch der nächste vorspringende Hang oder die nächste Geländestufe  die Passhöhe, aber dann blickten wir doch wieder nur bis zur nächsten Kehre oder zur nächsten Geländestufe. Ungeduldig schneiden wir die Serpentinen ab und gehen geradewegs in Richtung auf die vermutete Passhöhe. In der Mulde, die sich  zwischen den beiden Bergen zum Pass hinaufzieht, müssen wir in großen Schritten von einem Felsblock zum anderen springen, aber es geht schneller voran als auf dem Weg und vor allem finden wir dort im Verborgenen Blumen, Edelweiß, tiefblauen und gelben Enzian, Rittersporn.

Auf dem Pass zeigt der GPS-Empfänger 3085 Meter an. Es ist kühl und der Wind bläst, aber wir haben es geschafft, jetzt konnte es nicht mehr weit zu unserem Lager sein, auch wenn wir es noch nicht sehen. Was wir sehen, ist die Bergkette im Nordosten mit ihren schneebedeckten Gipfeln und Rücken.  Wir beschließen, auf direkter Linie hinunterzusteigen, kommen an einer muslimischen Begräbnisstätte vorbei und sehen dann einen kleinen grauen Fleck, den Furgon. Auch wenn es noch ein ziemliches Stück war, bis wir Ariuk und Oner erreichten, so war es doch gut, dass wir den Pass hinunter uns hatten. Weiter oben hätten wir wirklich nicht zelten können. Und jetzt ein warmes Abendessen und ab ins Zelt.

Am 7. August sollte uns der Weg eigentlich immer nur bergab in das Tal des Flusses mit dem seltsamen Namen " Einziger Baum" führen. In diesem Tal sollte Deluun liegen, wo es aber lag, ging aus der Karte nicht hervor. Aber wir sollten uns ohnehin drei Stunden vor Deluun zum Mittagessen treffen. Bald war es offensichtlich, dass der Weg in einem weiten Bogen immer weiter vom Mittagsziel entfernte. Aber es blieb uns nichts anderes übrigen, als dem Weg zu folgen; über alle Berge hinweg auf das Ziel zuzulaufen war ausgeschlossen; dieser Fehler wollten wir nicht noch einmal begehen.

In den Wochen, die wir jetzt unterwegs waren, hatten wir kaum, nein, überhaupt keine Murmeltiere gesehen. Sie waren nach dem Umbruch rücksichtslos abgeschossen worden, nicht so sehr wegen des Fells als vielmehr wegen des Fleisches. Das Fell wurde bei der Art der Zubereitung ohnehin abgesengt, wenn nämlich Fleisch im Körper des Murmeltiers mit Hilfe von heißen Steinen gegart wurde. Kurz und gut, in der Gegend, die wir jetzt durchwanderten, sahen wir immer wieder einmal ein Murmeltier, aber meistens erst dann, wenn es schnell in seinen Bau flitzte.  Häufiger aber waren die kleinen Nager, die uns manchmal recht nahe an sich herankommen ließen.

Über der Bergkette im Westen zogen dunkle Regenwolken auf und dabei   hatten wir uns dem Ziel um keinen Kilometer genähert, obwohl wir schon Stunden unterwegs waren, und dort, wo sich das Hochtal neigte, teilte sich der Weg auch noch.

 In diesem Augenblick nähert sich ein Motorrad, ein Zeichen und der Mann hält, die Frau auf dem Rücksitz umarmt eine Schachtel, in der Schachtel ein Fernsehgerät. Nach Deluun, frage ich,  welcher Weg? Die beiden waren zwar Kasakhen, aber Deluun verstehen sie; der Mann deutet auf den rechten Weg und fort sind sie. Jetzt schnell die Regenjacken angezogen und einen Augenblick später prasselt graupeliger Regen uns auf den Rücken. Oben sind wir wenigstens geschützt und die Hosen trocknen auch bald wieder, denn ein Regenguß, so heftig er auch ist, dauert selten lange. Bevor wir noch einmal naß werden, sehen wir auf Hügel links des Wegs den Furgon stehen, gewissermaßen strategisch günstig, so daß wir nicht aneinander vorbeilaufen konnten. Aber das Ziel war das nicht, das lag noch weit inmitten der Berge im Osten. Mittagessen: gekochte Ziege, Nudeln, Gelbe Rüben, Gurken, zusammen eine Portion, mit der ich zu Hause beim Zeitunglesen abgenommen hätte. Aber uns war das recht. Der Körper soll sich gefälligst daran gewöhnen.

Fünfhundertundeinen Kilometer, so viel hatten wir jetzt hinter uns. Wie es weiterging, war unklar. Klar war  natürlich, dass wir die Strecke nach Ulgii vollends schaffen würden. Aber wo Deluun lag, ging aus der Karte nicht hervor. Aber an den Weg konnten wir uns halten. Also: auf der Karte irgendwie siebeneinhalb Kilometer Luftlinie abgesteckt, das würde etwa zehn Kilometer Weges ergeben. Über den Gebirgskamm quollen graue, dunkelgraue Wolken.

Nein, fahren wollten wir nicht. Bei starkem Regen sollten uns Oner und Ariuk entgegenfahren, aber wirklich nur bei starkem Regen. - Kaum hatten sie uns verlassen, da peitschte uns der Wind den Regen ins Gesicht; die Hosen war gleich wieder nass, aber auch wieder schnell trocken. Die beiden jungen Männer waren natürlich umgekehrt, als es wieder angefangen hatte zu regnen, aber als sie uns erreichten, schien schon wieder die Sonne und wir wagten es, sie  ohne uns weiterfahren zu lassen, während wir weitergingen. Aber als wir eine halbe Stunde vor dem Ziel noch einmal naß wurden, da ließen wir uns nicht lange bitte und stiegen ein, durchaus dankbar.

Die Regenschleier verzogen sich, die Berghänge westlich des Tals waren verschneit. Es war kalt, aber trocken, so daß wir es vorzogen, im Zelt zu übernachten, statt uns in Deluun ein "Hotel" zu suchen.

Ach ja, Deluun, wo lag es aber auch? Jetzt ließ uns auch diese amerikanische TPC-Karte im Stich. Hanne konnte nur eine ungefähre Richtung annehmen und trug auf der Karte aufs geratewohl vierzehn Kilometer ab, das sollte in der Natur an die zwanzig Kilometer ergeben. Irgendwann, nachdem wir dem Weg um einen Berghang herum gefolgt waren, sahen wir in der Tat in der Ferne irgendwelche weiße Flecken; eigentlich waren sie zu groß für Häuser, vielleicht waren es Hochtanks. So etwas soll es geben. Dann wandte sich der Weg in einem weiten Bogen nach Westen, während diese ominöse Deluun eher im Norden lag. Wir ließen den Weg Weg sein und gingen unmittelbar auf dieses vermutete Dorf zu; vielleicht  könnten wir den Fluß irgendwie  vermeiden oder auch überqueren. Einen breiten Bach konnten wir barfuß überqueren, aber kamen trotzdem dem Dorf nicht näher, mußten vielmehr dem Lauf des Flusses folgen, der uns wieder vom Dorf wegführte, zudem war er zu breit, um ihn auf glitschigen Steinen zu überqueren. Und dann waren wir auch noch von allen Seiten von Flußarmen umgeben und hatten schon viel Zeit verloren. Gerade als wir wieder einmal die Schuhe ausgezogen hatten, um über den nächsten Wasserlauf hinweg zur Brücke zu gelangen, da näherte sich der Furgon  vom Dorf her zunächst der Brücke, blieb stehen, die beiden sahen, dass wir geradezu von Wasserläufen umschlungen waren und noch lange bis zur Brücke bräuchten, und fuhren uns entgegen. Im Dorf hatten sie Booz gekauft, also mit Fleisch gefüllte gedämpfte Teigtaschen.

Ach ja, die Hochtanks, das waren die gleichen, aus luftgetrockneten Schlammsteinen errichteten Behausungen, wie wir sie auf unserem ganzen Weg schon gesehen hatten. Hier standen sie wie Klötze hintereinander auf einem Hang. Von Hochtanks also keine Spur, auch auch sonst kein Gebäude, das darauf schließen ließ, dass hier Menschen arbeiteten und ihren Lebensunterhalt verdienten. Nein, auch wenn Deluun an der Piste von der einen Aimak-Hauptstadt im Norden zur Nächsten Aimak-Hauptstadt im Süden liegt, so fühlte man sich doch am Rande der Welt, nein, außerhalb der Welt. Deluun ist arm, dreckig und und zerbröckelt, einfach so.

 Gebäude aus der "alten" Zeit stehen leer und sind dem Verfall preisgegeben.  Entlang der "Hauptstraße" steht ein Guanz - Sie wissen mittlerweile, was das ist - neben einem anderen Guanz, ein Laden mit chinesischer Kleidung und Essiggurken der Marke "Spreekönig" neben einem anderen Laden mit chinesischer Kleidung und Batterien der Marke "Drachenblut". Immerhin bietet ein Laden Milch und Ziegenfleisch, - ach ja, und ein idyllisches Bild: eine Frau wusch an einem Rinnsal, bürstete und schwenkte und wrang die Kleidung und ein kleines Mädchen schaute ihrer Mutter zu.

Und weil ich diese Szene erwähnt habe, darf ich eine andere nicht unterschlagen: hundert Meter oberhalb am gleichen Rinnsal wusch auch eine junge Frau die Wäsche und bürstete und schwenkte und spülte, - aber das kennen Sie schon. Zwei armselige Moscheen rundeten das Bild Deluuns ab. Fort aus Deluun, es lohnt sich nicht, hier etwas zu suchen, man vertut hier nur seine Zeit und dabei hatten wir noch an die zwölf Kilometer vor uns.