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Neuer Beitrag (September 2015):

Das Abenteuer mit den monglischen Pferden

Einschränkung

Es ging mir nicht so sehr darum, mongolische Pferde nach Europa zu bringen, ausgerechnet mongolische Pferd. In Europa gibt es Hunderte von Pferderassen, insbesondere Kleinpferde-Rassen. Man brauchte nicht unbedingt eine weitere Rasse.

Aber es hatte noch niemand den Versuch unternommen, Pferde aus der Mitte Asiens nach Europa zu bringen, und wenn es doch versucht wurde, so ist es noch jedes Mal misslungen.

Über Jahre hin bin ich jeden Weg gegangen, bis er gewissermaßen im Sand der Gobi endete.

Dann fand ich endlich Kontakt zu einem altgedienten mongolischen Amtstierarzt, den vor allem eines auszeichnete: er hatte viele Kontakte, auch zu den Kollegen jenseits der russisch-mongolischen Grenze. Man kannte sich, man verstand sich, zumal jenseits der Grenze Tuwiner leben, Mongolen und doch keine eigentlichen Mongolen.

Dieser Tierarzt bot an, er könnte die Pferde, die ich bei seinem guten Freund kaufen würde, gewissermaßen einem Bekannten jenseits der Grenze weiterverkaufen, und dort könnte ich sie durch einen russischen Bekannten abholen lassen.

Pferdekauf in der Mongolei ist eine denkbar einfache Sache. Hier sind meine zweihundert Pferde, sagte der Freund des Tierarztes zu mir. Setze dich auf ein Pferd und wähle aus, was du haben willst. - Binnen einer Stunde konnte ich ihm ein Dutzend Pferde zeigen, die in die engere Wahl kamen.

Zurück in die Aimag-Hauptstadt Ulaangom. Im Hotel sitzt ein Europäer mit einem gewichtigen Mongolen und 'gewichtig' bedeutet 'bedeutender Stadtmongole'. Der Europäer war sogar Deutscher, ja sogar Wissenschaftler der Tiermedizin und der Mongole der Leiter des zentralen mongolischen Veterinärlabors. - Wie der deutsche Wissenschaftler  denn die Liste bewerte, die mein Bekannter, der Tierarzt, angelegt hatte. Da stehe bei jedem Pferd "klinisch gesund, keine Symptome". - Völlig wertlos sei sie. - Ratlosigkeit. - Ob es denn andere Möglichkeiten gebe, den Zustand der Pferde zu beurteilen. - Er, sagte der deutsche Wissenschaftler, gebe mir die Telefonnummer seines russischen Kollegen, mit dem er das Auftreten von Beschälseuche unter mongolischen Pferden untersucht habe. - Ich schöpfte Hoffnung und rief an - von der Post in diesem weltabgeschiedenen Ulaangom in Moskau, beim Leiter des Veterinärlabors der All-russischen Akademie der Wissenschaften, richtete Grüße von dem deutschen Wissenschaftler aus und: Ja, er sei gern bereit, das Blut der mongolischen Pferde serologisch zu untersuchen.

Nun ging alles seinen Gang: ein junger Tierarzt nahm Blut von jedem einzelnen Pferd. Im Labor in Ulaanbaatar wurde es zentrifugiert. Eine mongolische Bekannte flog mit dem Serum nach Moskau und lieferte es persönlich im Labor ab.

Zu Hause erhielt ich die Mitteilung: die Pferde seien sero-negativ bezüglich Infekt. Anämie, Rotz, Beschälseuche und sieben weitere Erreger. Die russischen Bestimmungen über den internationalen Tierhandel sind sehr viel strenger als die der Europäischen Union. Diese Hürde war wenigstens genommen.

Dann hieß es zu warten. Aus der Steppe hörte ich - nichts. Dann: der Verkäufer habe die Pferde auf den Weg zur Grenze geschickt. Dann: der Regen habe die Flüsse anschwellen lassen. Dann: an der Grenze seien zu viele Russen. Der  Lastwagen aus dem Bezirk Belgorod sei noch nicht zur Stelle. Dann: die Treiber ließen mitteilen, sie kehrten mit den Pferden um, sie könnten sich nicht solange im Grenzgebiet aufhalten, ohne aufzufallen Dann ließ mir mein russischer Bekannter mitteilen, er fahre nach Hause, wenn die Pferde nicht umgehend über die Grenze gebracht würden. Jetzt hört sich das so einfach an: man ließ mir mitteilen. Aber dazu musste zunächst mein Kontaktmann, der Tierarzt in Ulaangom erfahren, was die Treiber vorhatten, die sich am nördlichen Ende des Uvs nuur mit den Pferden herumtrieben. Dazu rumpelte er mit seinem Geländewagen russischer Herkunft hinauf in den Norden und wieder zurück. Dann musste er jemanden in Ulaanbaatar bitten mir mitzuteilen, vor zwei Tagen hätten die Treiber dies und jenes beobachtet oder beschlossen. Mein russischer Freund konnte nur nach Kyzyl fahren und von dort in Stariy Oskol anrufen: er habe noch keine Pferde gesehen, und wenn er bis nächsten Tag keine sehe, dann fahre er die zweitausend Kilometer nach Westrußland zurück. 

Kurz und gut: Anfang November 2003 traf der russische Lastwagen mit acht mongolischen Pferden, einem Hengst, zwei Wallachen und fünf Stuten bei uns ein. Alles war gut gegangen.

Reisebericht aus dem Sommer 2012 

Der Weg nach Osten

Ich bin 520 km gegangen. Zusammen mit meiner Frau, also wir sind 520 km gegangen. Wir bilden uns nichts darauf ein. Wir sind wieder zu Hause und es ist, als wäre es nicht geschehen. Meine Frau geht weiter ihrer Arbeit in der Bücherei nach und erzählt etwas dem einen oder anderen Besucher, wenn sie Zeit hat, ich meine, wenn ihr die Arbeit die Zeit zum Erzählen lässt. Sie muss neue Bücher katalogisieren, Bücher zurücknehmen und ausgeben. Es hört sich gut an: 520 km. Es hätten auch 530 km werden können, aber dann hätten wir nach einer langen Mittagspause noch einmal aufbrechen müssen, - eben für die letzten zehn Kilometer, um die wir Choibalsan noch näher gekommen wären. Sie wissen nicht, wo Choibalsan liegt, woher auch. Choibalsan liegt ganz im Osten der Mongolei, in der Nähe der Grenze zu China. Choibalsan noch näher zu kommen, vielleicht gar  die Stadt zu erreichen, hat uns nicht mehr gereizt. Die Antilopen-Herden hätten wir auf den letzten achtzig Kilometer, die uns von Choibalsan trennten, auch nicht mehr gesehen. Die Antilopen waren nämlich nicht mehr da. Sie waren weg. In jedem Reiseführer steht, - steht immer noch -, im Osten der Mongolei müsse man sich geradezu einen Weg durch große Herden von Antilopen bahnen. Zu Tausenden würden sie entlang des Kherlen grasen. Vielleicht oder sicher grasten sie einmal dort. Aber seitdem sind an die zwanzig Jahre vergangen und jetzt grasen dort Ziegen, Schafe, Rinder, Pferde und Kamele, die fünf Arten großer Tiere eben, die ein mongolischer Nomade hält, nun ja, Kamele hält nicht jeder. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Antilopen. Sie sollen sich vom Fluß in die Berge zurückgezogen haben, sagte uns der Zoo-Technologe Munkhbayar. Das Vieh habe sie verdrängt. Das ist natürlich nicht richtig. Der Mensch hat sie verdrängt. Der mongolische Nomade hat sie verdrängt, genau derjenige, der mir den Schemel eine Armlänge links von dem Punkt zurechtrückt, der der Tür gegenüber liegt. Und meiner Frau bietet er den Schemel rechts von mir an. Ein Nomade achtet auf die Rangordnung: ich bin der Mann und außerdem bin ich älter als meine Frau. Deswegen  reicht mir die Frau des Nomaden  noch vor meiner Frau eine Schale Tee. Und ich nehme die Schale mit der rechten Hand, die ich mit der linken stütze. So gehört es sich. Genau dieser Nomade hat mir die Antilopen verdrängt, und der Nomade, in dessen Ger wir zwischen Jargalantkhaan und dem abendlichen Treffpunkt gegessen und getrunken hatten, der hat sie auch verdrängt, und die Familie bei Bayan Ovoo, wo wir zum ersten Mal weiße Speisen gegessen hatten, sie war auch beteiligt und sogar die freundliche Familie, die ein Ovoo-Fest vorbereitete und uns Schalen mit Buuz anbot. Alle haben sie mitgemacht und die Antilopen aus dem Flusstal in die Berge vertrieben. Aber ich sage Ihnen etwas: wir waren es auch. Die mongolischen Antilopen werden durch die Autobahnen in Deutschland bedrängt und durch Gewerbegebiete und Neubauviertel und Flughäfen. Ich kann Ihnen diese Erkenntnis nicht ersparen. Genau Sie und Sie auch, ihr alle zerstört die Natur in der Mongolei. Das meine ich natürlich nur bildlich. Am meisten zerstören sie diejenigen, die hinfliegen und sich über dieses traditionsverbundene Naturvolk freuen. Ihr Reisebegleiter führt die Hammelherde in einen Ger, nachdem er diese suchenden Europäer ermahnt hatte, weder auf die Schwelle der Tür zu treten, noch den Kopf am Türrahmen anzuschlagen. Und pfeifen dürfe man im Ger auch nicht, das bringe Unheil. Und dass mir keiner die Füße einfach zum Ofen hin ausstreckt.  Oder die Schuhe auszieht. Das gehört sich einfach nicht. Seit den Zeiten von Dschinggis khan nicht. Sogar die Kommunisten hätten darüber hinweggesehen, dass die Nomadenfrau am Morgen die Naturgeister günstig zu stimmen versucht, indem sie vor dem Ger Milchtee in die vier Himmelsrichtungen verspritzt. Und am Abend füllt der Herr die Schale, die vor dem Messingbuddha steht, mit Schnaps. Das ist echte, das ist naive Religiosität, sagt der Reiseleiter, und drängt seine Leute zum Aufbruch und die Europäer geben dem Nomaden mit freundlichem und verständnisvollem Blick die Hand und lassen taktvoll zehn Euro in der mongolischen Hand zurück. Macht zusammen vierzig Euro, hat sich gelohnt.

Touristen sind keine Menschen, Touristen  sind Organismen, die Geld abdrücken und Leistungen beanspruchen.

Meine Frau und ich wollten keine Touristen sein. Einfach Menschen. Ich selbst bin  vierundsechzig Jahre alt, Hanne nur wenig jünger, einundsechzig. Wir beide also wollten aus der Gegend von Ulaanbaatar aus aufbrechen und in etwas weniger als drei Wochen weit nach Osten wandern. Ich muss zugeben, wir hatten uns von Gepäck befreit. Taschen und Rucksäcke mitsamt dem Zelt wurden im Furgon von Treffpunkt zu Treffpunkt gebracht. Am Morgen legte Hanne die Koordinaten fest, die für uns und für den Fahrer des Furgon galten. Der Furgon hat aus der Zeit überlebt, als noch jedes Auto, jeder Lastwagen aus der Sowjetunion kam. Als Kleinbus mit Vierradantrieb verband er die Hauptstadt mit den Aimag, solange die Sowjetunion die Mongolen mit billigem Treibstoff versorgte, anders hätten ihn sich die Mongolen nicht leisten können, allein schon wegen der 22 Liter, die er auf hundert Kilometer schluckte. Dafür fuhr er jede Böschung hinunter, sprang quer über gefurchte Pisten und pflügte durch seichte Flüsse. Aber man sollte sich gut festhalten, nasse Füße bekam man bei der Flussdurchquerung nicht, denn man saß hoch über dem Boden – und wurde gegen das Wagendach geschleudert  oder fiel vor dem gegenüber Sitzenden  auf die Knie, wenn der Furgon über Wurzeln und Schlaglöcher sprang. In Benzindunst-gesättigter Atmosphäre erstirbt bald jedes Gejohle, mit dem sonst Fahrgäste  jeden Schlagloch-Hopser begleiten. Nach der Heimkehr vom Urlaub wissen sie gute Luft umso mehr zu schätzen.

Am Morgen des 26. Mai landeten wir auf dem Flughafen der Hauptstadt, der seit kurzem nach dem einen großen Mongolen benannt ist, den man gerade noch in Europa kennt: nach dem Herrscher Dschinggis. Für den Westen ist er ein blutrünstiger Eroberer und Schlächter. Ich denke nicht, dass die Mongolen von den herrlichen Zeiten träumen, in denen ihre Reiterheere den Schrecken nach Westen und nach Süden getragen haben. Vielleicht ist er für sie der Mann, der alle mongolischen Stämme vereint hat, aber sogar in dieser Hinsicht ist er kaum ein Vorbild. Die Mongolen werden allenfalls unter chinesischer Herrschaft wiedervereint, ganz sicher nicht mehr in den Grenzen eines unabhängigen Staates. Dschinggis Khaan nimmt den Touristen an der Hand und führt ihn durch die Andenkenläden und lässt nicht locker, bis der Tourist wenigstens ein T-shirt mit dem Abbild des gütigen Urvaters eingepackt hat, – und wenn auch erst vor dem Heimflug.

Es war kalt. Unter Graupelschauern beeilten wir uns, das Gepäck zum Wagen zu bringen, mit dem uns Nyamchin und Batsukh abgeholt hatten, Nyamchin, der Fahrer und Koch und Kamerad von Batsukh, dem Übersetzer. Ich behaupte nicht, Mongolisch zu sprechen. Ich kann auf Mongolisch fragen, ob es wohl morgen regne. Ich werde bei den vielen Familien, in deren Ger wir uns ausruhen, oft sagen – und zwar auf Mongolisch: wir kämen aus Ulaanbaatar und gingen nach Choibalsan. Ich kann auch noch die Bilder erklären, die unsere Familie zeigen. Das da sei unsere Tochter mit einem ihrer vier Jungen und die beiden seien meine Eltern. Neunundachtzig und fünfundachtzig Jahre alt. So sehe meine Weide im Mai aus. Aber Batsukh soll für mich fragen, wie man ein Pferd einreitet, wie man ein Pferd ganz ruhig macht. Ich will auch wissen, was in einem Mann vorgeht, wenn er die ausgedörrten, abgeweideten Ebenen betrachtet, denen seine Schafe und Ziegen den letzten Rest geben. Was denkt er, wenn er seine klapperdürren Pferde anschaut, - das werde ich Batsukh fragen lassen. Batsukh ist so alt wie ich. Wenn ich die Zahl meiner Pferde verringere und nicht mehr so viel für Heu und Pacht und Halfter ausgebe, können wir uns  eine oder auch zwei Urlaubsreisen im Jahr leisten. Er  muss mit Touristen durchs Land fahren und den ewig gleichen Quark erzählen, von buddhistischen und schamanistischen Ovoos, von der Rangordnung und vom Schnupftabakfläschchen. Die Pension für dreißig Jahre Arbeit an Botschaften und Ministerien und im staatlichen Außenhandel reicht, um den Tank seines Furgon zweimal zu füllen. Die Einnahmen aus den wochenlangen Fahrten reichen nicht, um das Leiden erträglicher zu machen: in sinnloser Bosheit hat sich sein Körper gegen sich selbst gewendet und sein Rückgrat  versteift. Seine Frau, sagte er, leide an einem Tumor, eine Operation habe mit größerer Wahrscheinlichkeit den Tod als die Genesung zur Folge. Sie würden sich mit chinesischer und mongolischer traditioneller Medizin behelfen. Er hätte auch sagen können: wir investieren da nicht mehr viel, der Tod kommt ohnehin, aber vielleicht ein paar Wochen oder Monate später, aber wir wollen wenigstens die Möglichkeit eines Wunders nicht ausschließen. Vielleicht hilft dieser oder jener Pilz denn doch. Wer weiß.

Am Vormittag müsse am Furgon noch etwas gemacht werden, - wir hatten nichts anderes erwartet -, wir müssten auch noch Proviant einkaufen, aber jetzt könnten wir im „Anuujin“ frühstücken und darüber sprechen, wie wir vorgehen wollten. – Ich hatte es ihm  email für email genau geschildert: wir möchten aus Ulaanbaatar hinausgebracht werden, dann würden wir gehen und uns an den und den Koordinaten wieder treffen und das jeden Tag, bis wir in die Gegend von Choibalsan kämen. Anscheinend hatte er meine mails nicht genau gelesen oder meinte, darüber müsse man erst noch reden, vielleicht wollten wir doch lieber nach Westen als nach Osten, zumal er im Westen einen Nomaden gut kenne, der Touristen gern auf seinen Pferden reiten lasse. Nun gut, er müsse uns jetzt noch einmal allein lassen; wir könnten uns um drei  dem Kaufhaus treffen und dann aus der Stadt hinausfahren. Dann könnten wir ihm immer noch sagen, wohin er mit uns fahren solle.

Wir kannten das, ich will sagen, wir kannten die Neigung von mongolischen Begleitern, besser als der Fremde zu wissen, was jener eigentlich und wirklich wolle. Manchmal ist es wie bei einem Trick mit Spielkarten: man lässt scheinbar  fortwährend unter zwei Möglichkeiten auswählen und seltsamerweise bleibt zum Schluß die Karte übrig, die sich das „Opfer“ zu Beginn gemerkt hatte. Auf das Spiel übertragen, das der mongolische Begleiter mit dem Gast, seinem Opfer, treibt, geht das so: im Osten gab es einen großen Sturm, der die Masten der Stromleitung umknickte wie Streichhölzer, jetzt kann man unterwegs nicht tanken, weil die Tankstellen keinen Strom haben. Im Westen gibt es Strom. – Aber kann man dann nicht nach Westen wandern? – Im Westen führen die Flüsse Hochwasser, man kann sie noch nicht einmal zu Fuß überqueren, erst recht nicht zu Pferd, allenfalls mit dem Auto, wenn man eine Furt kennt. Buyanjargal lebt inmitten einer Hochebene; man könnte dort schöne Ausritte unternehmen. – Auf dieses Spiel wollten wir uns nicht einlassen: wir verstünden seine Sorgen, es werde schon nicht so schlimm werden und wir wollten nach Osten und zwar zu Fuß. Das wollten wir Batsukh erklären, wenn wir ihn wieder trafen.

Scharfer Wind jagte den Staub über den Parlamentsplatz, Schneeflocken vermischten sich mit dem Staub, Graupeln trafen uns wie Geschosse. – Dann klarte es für Minuten auf. Vielleicht werde es doch nicht so schlimm, sagten wir uns, bevor uns die Kälte und der Wind ins Kaufhaus trieben. Oder sollten wir doch noch einmal in Ulaanbaatar übernachten, zumal wir auf dem Flug von Moskau nach Ulaanbaatar sehr unbequem gesessen und kaum geschlafen hatten. Batsukh hole uns  bestimmt nicht  vor halb vier ab, dann werde es vier, bis wir die Stadt hinter uns gelassen hätten und gehen könnten. – Aber wie sähe das aus: wir hätten immer geschrieben, wir wollten gleich nach unserer Ankunft aus Ulaanbaatar hinausgebracht werden, und jetzt sei das nicht so gemeint gewesen, wir wollten besseres Wetter abwarten, dann könnten wir zu unseren 600 Kilometern aufbrechen.- Nein, es gab keine Wahl, wir mussten heute aufbrechen. Wir würden in Batsukhs Achtung sinken und könnten weiteren Versuchen, uns zu überzeugen, keinen Widerstand entgegensetzen.

Um halb vier holten sie uns gegenüber dem Kaufhaus ab. So, sagte ich, jetzt laden wir noch das Gepäck ein und dann geht es hinaus aus der Stadt. Wir sind schon viel zu lange hier. Seit unserem ersten Aufenthalt in der Mongolei  und bei jedem weiteren Besuch habe ich Angst, in dieser elenden Stadt hängen zu bleiben und nicht aufs Land zu kommen.

Hanne hatte aus der TPC-Karte  Koordinaten abgelesen, der Punkt der ersten Übernachtungu sollte in der Nähe einer Brücke liegen, die über den Tuul führt. Bei einem Maßstab von 1 zu 500 000 konnte dieser Punkt auch ein oder zwei Kilometer von der Brücke entfernt liegen. Aber das hatte keine Bedeutung, denn Batsukh richtete sich nach denselben Koordinaten. Wir mussten uns also treffen, etwas anderes war gar nicht möglich.

Bald nach der Wende waren wir zum ersten Mal in der Mongolei und danach noch einige Male, ich konnte mich in Ulaanbaatar orientieren. Ich wusste, in welcher Richtung der Schwarzmarkt lag, der natürlich schon lange kein „Schwarzmarkt“ mehr war. Irgendwann fuhr man über die Bahnlinie und dann war klar, wo Süden und Norden waren. Der Tuul kommt von Osten und  mündet am Rand der Hauptstadt in das große Tal, durch das die Eisenbahnlinie führt. Wir mussten also irgendwann  von der Straße nach Nalaikh abbiegen und – vorläufig wenigstens – in Richtung Terelj fahren, aber schließlich auch diese Straße verlassen, bevor sie in die Berge führte. Aber die beiden, Batsukh und Namchin, machten gar keine Anstalten,  aus dem  unablässig strömenden Verkehr auszuscheren und sich einen Weg zu suchen, der durch die sich ausbreitenden Siedlungen aus Jurten und Bretterbuden hinüber zu den Bergen führt. Ob das denn die richtige Straße sei? Ja, das sei eine gute Straße, eine Teerstraße, auf dieser Straße komme man schnell voran. – Ob diese Straße nicht nach Nalaikh führe? – Ja ja, Nailaikh. – Aber wir wollten doch nicht nach Nalaikh. – Ihr wollt nicht nach Nalaikh? – Nein, wir wollen zu dem Punkt, den wir dir genannt haben und deswegen müsst ihr die Straße fahren, die weiter nördlich liegen müsste. – Weiter nördlich? Die Straße kennen wir gar nicht.- Also, auf alle Fälle haben wir euch einen Punkt gegeben und   von diesem Punkt aus wollen wir gehen und treffen euch an der Brücke. – Aber wollt ihr nicht nach Terelj und zuerst dort übernachten? Dort hat es ein Touristenlager.- Wir müssen zuerst ein wenig in Richtung Terelj fahren, ja, das stimmt, aber wir wollen am Tuul aussteigen und den Fluss entlang gehen und deswegen müsst ihr jetzt nach links abbiegen, sonst wird es zu spät, bis wir losgehen können. – Die beiden unterhielten sich und nach wenigen hundert Metern bog Namchin nach links ab. Der Furgon rumpelte und holperte die Straße entlang, die endlich nach Nordosten führte. Ulaanbaatar wuchert wie ein Krebsgeschwür. Vom Tal ziehen sich die Siedlungen die Hänge hinauf. Hinter der Flanke eines Hügels, den die Straße überquert, blickt man auf die nächste Siedlung, die aber immer noch nicht die letzte ist und eine gleicht der anderen: Bretterwände, denen ganze Wälder zum Opfer gefallen sind, Jurten oder auf Mongolisch Ger und Hütten, um sie herum Auto oder Teile von Fahrzeugen, Reifen, Motoren, Schrott, Dreck, Plastik. In der Ecke des Bretterzauns eine Abtrittbude. Das muss so sein. Schließlich kann man nicht mehr in die Steppe hinausgehen, Sie wissen schon. – Die Piste entlang armselige Buden aus Brettern oder bröckeligen Ziegeln: Khunsnii baraa oder Delguur, also Läden, w wir Süßigkeiten, Persil und Coca-Cola und Haar-Shampoo und Kekse kaufen könnten, wären wir nicht schon für die ersten Tage versorgt.-  Manche Familie hatte es immerhin geschafft: dann stand innerhalb des Gevierts aus Lärchenbrettern ein Mitsubishi Geländewagen mit dunkel getönten Scheiben. Oder ein Lastwagen.

Batsukhs Furgon kletterte  die  ausgewaschene  Straße hoch, hinter den letzten Häuser sahen wir auf die Talebene hinunter, eine wellige Ebene aus Sand und Schotter. – Sie könnten uns dort unten absetzen. Wir würden jetzt gehen.  – Gut, wir treffen euch dann an der Brücke. Vier bis fünf Stunden wird es schon dauern. – Dann waren wir beide allein. Endlich allein und mit dem guten Gefühl, uns durchgesetzt zu haben und auch angesichts des Wetters nicht schwach geworden zu sein. Und schon musste ich dem Hut hinterherrennen, den mir der Sturm  vom Kopf gerissen hatte. Schneegestöber verschleierte das Tal in der Ferne, dämpfte das junge Grün der Pappeln. Zur Rechten strömte der Tuul der Hauptstadt zu, die ihm ihren Müll aufladen wird. Im Juli wird es regnen und dann füllt der Tuul das Tal aus und wird wegschwemmen, was die naturliebenden Stadtmongolen hinterlassen, wenn sie am Wochenende aus der Stadt hinausfahren. Dann kehren sie für einen Tag zurück zur Lebensweise ihrer Eltern oder Großeltern, lagern zwischen den Pappeln und grillen und kochen und schlemmen und trinken. Wir konnten es uns vorstellen, wie wir die Plastikflaschen und Chips-Tüten und Batterien sahen, auch die Autoreifen und Einkaufstüten und Tetrapacks und die zersplitterten Schnapsflaschen. Es scheint sehr unterhaltsam zu sein und ein angenehmes Gefühl zu verschaffen, wenn man eine Schnapsflasche zerschmettert.

Ich hatte mich in Ulaanbaatar nicht mehr umgezogen und hatte mir auch im Auto nicht mehr die Zeit genommen, den Rucksack nach einem Pullover durchzukramen, und das war ein Fehler. Die dünne Hose war kein Schutz gegen den kalten, böigen Wind, der sogar auf dem Tuul die Wellen gegen die Strömung bergauf trieb. Nur im Pappelhain waren wir ihm weniger ausgesetzt...

 

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Weitere Reiseberichte:
Reisebericht aus dem Jahr 2009: "Nach Norden"
Reisebericht aus dem Jahr 2011: "Auf dem Weg nach Nordwesten"